Smartphones: Unsere unheimlichen Freunde

Es kann für „interessierte Kreise“ keine größere Freude geben, als Menschen, die praktisch ihr gesamtes Leben und das ihres sozialen Umfeldes, inklusive aller Kontakt- und Zugangsdaten, auf einem einzigen kleinen leicht angreifbaren Gerät dokumentieren, welches gleichzeitig jederzeit Auskunft darüber gibt, wer sich gerade mit wem wo aufhält. Ein Paradies für Schnüffler jeglicher Couleur. In diesem Beitrag soll es aber nicht darum gehen, wer was mit unseren Smartphones macht, sondern darum, was diese denn eigentlich mit uns machen? 

Jeder kennt die durch unsere Fußgängerzonen huschenden Gestalten, den Blick fest auf ein kleines Gerät gerichtet, über dessen Oberfläche sie mit den Fingern wischen. Es gibt sogar schon eine Software, die einander entgegenkommende „Smombies“ (Smartphone-Zombies – Jugendwort des Jahres 2015!) rechtzeitig vor Kollisionen warnt. Auch der „Handy-Nacken“ ist ein bekanntes Phänomen und die Verkehrsunfälle durch unachtsame Nutzer, die sich lieber von einem Bus überfahren lassen, als die letzte Neuigkeit auf Facebook zu verpassen, nehmen zu.

 Da kommt ein neues Buch gerade recht, das uns aktuelle Zahlen liefert (Alexander Markowetz, Digitaler Burnout, Verlag Droemer Knaur, 2015). Prof. Markowetz hat in Zusammenarbeit mit der Universität Bonn das Menthal-Projekt initiiert. Im Rahmen dieser Studie wurde eine Software entwickelt, die anonymisiert festhält, was Nutzer mit ihrem Gerät konkret tun. Die Resonanz auf das Projekt war gewaltig, über 300.000 Teilnehmer luden das Programm auf ihr Handy und bis heute konnten die Forscher das Verhalten von über 60.000 Handybesitzern analysieren.

Der durchschnittliche Nutzer aktiviert seinen Bildschirm 88-mal am Tag, davon wird das Handy 53-mal entsperrt, also tatsächlich für Anwendungen genutzt. Bei 16 Stunden wacher Zeit pro Tag bedeutet dies, dass der Nutzer seine eigentliche Tätigkeit ungefähr alle 11 Minuten unterbricht. Die 17- bis 25-jährigen Teilnehmer der Studie aktivieren ihr Smartphone täglich sogar 100-mal und nutzen es davon ca. 60-mal intensiver. Die Vielnutzer aktivieren das Gerät ganze 130-mal am Tag – unterbrechen sich also durchschnittlich alle 7 Minuten bei dem, was sie gerade tun.

Auf klassische Funktionen wie Telefonieren, den Kauf von Tickets, Navigation oder die Wettervorhersage entfällt davon nur ein verschwindend geringer Teil (ca. 17 Minuten). Die gesamte restliche Zeit verbringen die Nutzer in Sozialen Netzwerken, mit Kommunikations-Apps und Spielen.

Mythos Digital Natives

 Eine Zeit lang, als der Mythos des modernen, informierten, multi-taskenden neuen Menschen noch lebendig war, ging man davon aus, man würde seine Kinder mit diesen Neuen Medien auf eine bessere, produktivere Zukunft als Weltbürger im globalen Wettbewerb vorbereiten. Es war allerorten von den Digital Natives die Rede, also von jenen jungen Mitbürgern, denen von Kindesbeinen an der Umgang mit den neuen Techniken in Fleisch und Blut übergegangen ist, die Bits und Bytes quasi schon mit der Muttermilch aufgesogen haben.

Der Mythos des Multitasking zerbrach. Neurobiologisch ist der Mensch für mehr als zwei Aufgaben gleichzeitig nicht angelegt, wie Forscher enttäuscht feststellen mussten.  Auch mit dem Produktivitätsschub durch die neuen Techniken ist es nicht weit her. Wissenschaftler rätseln schon seit geraumer Zeit am sogenannten Produktivitätsparadoxon. Vereinfacht ausgedrückt: Die negativen Begleiterscheinungen von Computer, Smartphone & Co. wiegen die Positiven mehr als auf. Der US-Ökonom Robert Solow merkt an: „Das Computerzeitalter ist überall sichtbar, außer in der Produktivitäts-Statistik.“

 Antrainierte Aufmerksamkeitsstörung

Sicher kennen die meisten Leser dieses Blogs den weltberühmten Psychologen mit dem unaussprechlichen Namen Mihály Csíkszentmihályi und dessen Publikationen zur Flow-Theorie. Er erkannte, dass der Zustand des Flow, also ein Zustand, in dem der Mensch sich glücklich, erfüllt und auf der Höhe seiner Leistungsfähigkeit fühlt, verschiedener Voraussetzungen bedarf.

Eine dieser Voraussetzungen beschreibt Markowetz so: „Wichtig ist es, sich der Aufgabe konsekutiv zu widmen, also ohne Unterbrechung (…). Leider stellt sich der Flow nicht auf Befehl oder Knopfdruck ein. Tatsächlich brauchen wir 15 Minuten, um diesen Zustand zu erreichen (…). Erst nach diesen 15 Minuten sind wir so auf die Aufgabe fokussiert, dass wir effektive Ergebnisse erzielen – die 16. Minute ist also unsere erste wirklich produktive Minute. Jede Unterbrechung zerstört diesen Flow oder verhindert den Aufbau der dazu benötigten Konzentration. Die Uhr wird dann praktisch wieder auf null zurückgesetzt. Selbst dann, wenn wir den Flow bereits erreicht hatten, lässt er sich nach einer Unterbrechung also nicht sofort wiederherstellen – wir benötigen eine neue Anlaufzeit, die erneut 15 Minuten beträgt.“

Man kann sich leicht ausmalen, was ein „Leben im Unterbrechungsmodus“ mit ca. 100 Unterbrechungen pro Tag, die wie ein „Systemabsturz“ auf unser Gehirn wirken, vor diesem Hintergrund bedeuten.

In der Ausgabe der WirtschaftsWoche vom 23.10.2015 schreibt Prof. Miriam Meckel in ihrem Artikel „Unkreative Zerstörung“: „In den vergangenen zehn Jahren hat sich unsere Aufmerksamkeitsspanne von zwölf auf acht Sekunden reduziert. Sie liegt damit nun unter der eines Goldfisches.“ Man könnte dagegen einwenden, dass zumindest die Qualität der Aufmerksamkeit eines Menschen immer noch höher liegen müsste als die eines Goldfisches. Leider deuten jedoch mancherlei Alltagserlebnisse in verstörender Weise das Gegenteil an. Ob man dem Menschen oder dem Goldfisch hier Unrecht tut, bleibt also letztlich offen. Als gesichert darf dagegen die Aussage des Autors Manfred Spitzner („Digitale Demenz“, Droemer Knaur Verlag, 2012) gelten: „Wer noch keine Aufmerksamkeitsstörung hat, der kann sie sich durch Multitasking antrainieren.“ 

Der Gewöhnungseffekt, der eintritt, ist fatal und reicht auch weit in den nicht-digitalen Alltag hinein. Markowetz:„Auch ohne Smartphone werden Sie daher eine innere Unruhe und das Bedürfnis verspüren, sich alle paar Minuten einer neuen Aufgabe zuzuwenden – weil Sie es über viele Jahre hinweg immer so gemacht haben und Ihre Aufmerksamkeit mittlerweile chronisch minimiert ist. Ihr Geist leidet in diesem Fall bereits unter digitalem Burnout und ist in seiner Produktivität permanent beschränkt. Sie schaffen wesentlich weniger, als Sie könnten – und das mit einem höheren körperlichen und geistigen Aufwand, als für das magere Ergebnis eigentlich erforderlich wäre.“

Suchtsymptome

Jeder, der sein Geld z.B. Spielautomaten anvertraut, weiß genau, dass er nicht jedes Spiel gewinnen wird, dass er im Gegenteil meist den Kürzeren zieht. Umso stärker ist die Ausschüttung des „Glückshormons“ Dopamin, wenn der Erfolgsfall doch einmal eintritt. Das fortgesetzte Spiel führt zu einer Gewöhnung, die eine immer höhere Dosis verlangt, um überhaupt noch etwas zu spüren. Der Reiz des Spiels sind die überraschenden Random Rewards, also „zufällige Belohnungen“ und der damit einhergehende Dopamin-Schub. Die Verführungen, die ein Spielautomat bietet, ähneln denen der Smartphone-Nutzung. Wie Markowetz sagt, halten wir nicht deshalb ständig nach neuen E-Mails oder Nachrichten Ausschau, weil tatsächlich immer welche vorhanden wären, sondern weil welche vorhanden sein könnten und wir auf einen Random Reward hoffen.

Der Psychologe Nir Eyal spricht von drei Arten der Belohnung, die schon seit Urzeiten in unseren Instinkten eingebettet sind: Rewards of the Tribe (Belohnungen des Stammes), Rewards of the Hunt (Belohnungen der Jagd) und Rewards of the Self (Belohnungen des Selbst). Das Smartphone spricht alle drei dieser Belohnungsinstinkte an. Nämlich die Zugehörigkeit zu einer Gruppe wie beispielsweise Facebook („der Stamm“), die Hoffnung auf brisante Neuigkeiten („die Jagd“) sowie die Kontrolle über die vielen Daten auf unserem Gerät („das Selbst“). Eyal nennt die Apps „Desire Engines“, Motoren der Sehnsucht.

Liebe statt Likes

In der Oktoberausgabe der Zeitschrift NEON schildert die junge Autorin Nora Reinhardt ihr Experiment, einen Urlaub ohne Smartphone zu verbringen und die Entzugserscheinungen, die sie dabei erlebt. Besonders schmerzlich ist für sie die Tatsache, dass sie ihre Freunde und Bekannten nicht durch sofort gepostete Fotos an ihren Erlebnissen teilhaben lassen kann. An die 60 Millionen Bilder werden täglich auf Instagram hochgeladen, ca. 350 Millionen auf Facebook – viele davon mit dem Ziel, seine Bekannten einfach nur wissen zu lassen: „Hey, mich gibt es noch“ oder um Aufmerksamkeit und Anerkennung zu erheischen (ausgedrückt z.B. durch Likes). Ein weiteres Motiv liegt darin, das Image eines coolen, erfolgreichen Selbst zu konstruieren. Gerade der kollektive Druck, dieses positive Image über die Netzwerke in die Öffentlichkeit zu projizieren, setzt Menschen unter Stress. Es ist ein Wettbewerb, in dem es nur Verlierer geben kann, weil die Profile im Internet keine authentische Wiedergabe der Persönlichkeit darstellen. So begegnen sich dort Pseudo-Persönlichkeiten in Pseudo-Kommunikation im Kontext eines Pseudo-Lebens.

Markowetz: „[Dies] wirkt auf Jugendliche in der Findungsphase des eigenen Ichs noch viel belastender als bei Erwachsenen (…). Kinder müssen lernen, dass die Aufmerksamkeit, die ein Soziales Netzwerk ihnen gibt, keine echte Liebe ist ( …), dass der Wert eines Menschen und seine Würde nicht in Klicks auszurechnen sind und auch ohne Likes nicht in Frage stehen.“

Die Abschaffung der Mikro-Pausen

Das Smartphone hat die Pausen in unserem Leben abgeschafft. Wenn es früher zu Wartezeiten oder Verspätungen kam, war der Griff zum Kleincomputer keine Option. Auch junge Menschen saßen auf Parkbänken und schauten sich allen Ernstes den Himmel oder die Bäume an – undenkbar in der heutigen Zeit. Man saß im Bus, im Wartezimmer, stand in der Schlange an einem Schalter und es gab – nichts zu tun! Im Café konnte man sein Getränk genießen und es existierte kein Gerät, mit dem man das eigene Stück Kuchen fotografieren und das Bild sofort an 2.000 „Freunde“ versenden konnte. Man kämpfte anschließend auch nicht gegen eine massive, spontan aufsteigende Existenzkrise, weil gerade nur 25 „Freunde“ „gefällt mir“ klickten.

 Markowetz: „Pausen haben einen Sinn. Sie sind wichtig für unsere geistige Gesundheit. Unser Gehirn braucht immer wieder Zeit zum Ausruhen, sonst werden wir krank.“ Hirnforscher, wie Michaela Dewar, haben herausgefunden, „dass jede Unterbrechung der Leerlaufphasen die Regeneration unseres Geistes komplett zunichtemacht.“

Was tun?

Prof. Markowetz schlägt eine „digitale Diät“ vor. Dabei bleibt er Realist und konstatiert, dass es kein gangbarer Weg sei, beispielsweise Kindern die Smartphone-Nutzung einfach zu untersagen. Zu eng wären die Apps mit dem Alltagsleben verwoben und ermöglichten Kindern die soziale Teilhabe. Ein Verbot wäre, „als würde man sie ihrem Freundeskreis entreißen“. Einen Ausweg sieht er darin, die „digitalen Abwehrkräfte“ zu aktivieren. Hierzu einige Stichpunkte:

 – Die Förderung eines intakten Selbstwertgefühls und damit die Senkung der Abhängigkeit von Applaus und Zustimmung in den Sozialen Medien.

– Die Wertschätzung der eigenen Zeit. In dem Roman „Momo“ von Michael Ende waren die „Zeitdiebe“ die Schurken des Romans. Diese Zeitdiebe gibt es auch heute noch, nur dass sie inzwischen über ein wesentlich effizienteres Waffenarsenal verfügen, als Michael Ende es sich jemals hätte träumen lassen.

– Der Entschluss, das eigene Gehirn nicht mit digitaler Massenware zu überfluten. Im Internet kann man nicht wirklich etwas verpassen – im eigenen Leben dagegen schon.

– Sich über die Qualität des eigenen Kommunikationsverhaltens Gedanken machen. Verantwortung nicht nur für unser eigenes geistiges Wohl übernehmen, sondern auch für das anderer.

– Sich den Wert von Aufmerksamkeit, Konzentration und Bewusstheit vergegenwärtigen. Erkennen, dass ein selbstbewusstes „Nein zu Unterbrechungen“ ein Zeichen geistiger Stärke und Gesundheit ist.

– Bewusst Pausen und Leerlauf im Alltag zulassen. Erkennen, dass der Drang zu ständiger Beschäftigung meist nicht auf rationalen Entscheidungen, sondern auf unbewussten Prozessen beruht.

– Nicht nur nach kurzen „Informationshäppchen“ suchen, die ähnlich schädlich wie Fast-Food sind, sondern bewusst längere Texte lesen und sich bemühen, die größeren Zusammenhänge zu verstehen.

– Jungen Menschen positive Erlebnisse ohne Smartphone ermöglichen – Erlebnisse im Hier und Jetzt, Erlebnisse in der realen Welt. „Kinder müssen lernen, dass sie auch ohne die Kommentare ihrer Freunde einen schönen Tag haben können.“

– Exzessive Smartphone-Nutzer sollten erkennen, dass nicht nur sie selbst Opfer ihres Verhaltens sind, sondern auch die Menschen, die ihnen nahe stehen. „Dies sind die Menschen, die wir lieben. Denen nicht verborgen bleibt, dass unsere Aufmerksamkeit nie ihnen allein gehört.“ Ohne diese Bewusstheit treten Momente der Gemeinsamkeit, der Harmonie, der Freude „in einen Wettkampf mit digitalen Firmen …“.

Aber auch die Gerätehersteller will Markowetz in die Pflicht nehmen. Es müsse ein zentrales Feature der nächsten Gerätegenerationen werden, die Aufmerksamkeit des Nutzers zu schonen.

Damit könnte er Recht behalten, denn der Wunsch nach der Rückkehr zu einem gesunden, förderlichen Umgang mit den neuen Technologien ist offenbar immer weiteren Kreisen der Bevölkerung ein drängendes Anliegen.

Nachdem die Geräte immer „smarter“ geworden sind, scheint nun endlich auch die Zeit für smartere Nutzer gekommen.

 

Zitate, sofern nicht anders gekennzeichnet, aus:  Alexander Markowetz, Digitaler Burnout, Verlag Droemer Knaur, 2015

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