Schuldest du der Welt etwas?

Im folgenden Beitrag betrachtet Steve Pavlina anhand seines wechselhaften und ungewöhnlichen Lebens die Frage, ob wir eine Verpflichtung gegenüber der Welt haben und wie es uns gelingt, einen Beitrag zum Ganzen zu leisten, der sich mit unserem eigenen „Weg des Herzens“, wie er es nennt, in Übereinstimmung befindet. Dabei macht er die überraschende Entdeckung, dass der Dienst an der Welt und an der Gemeinschaft auch unsere ganz persönlichen Probleme lösen hilft.

Die gängige Geschichtsschreibung der Ökonomie sagt uns, dass am Anfang der Tauschhandel kam, danach das Geld und dann der Kredit und die Schulden. Aber wir wissen inzwischen, dass sich die Dinge tatsächlich in umgekehrter Reihenfolge entwickelten. Das Konzept von Schulden und Krediten kam mehrere Tausend Jahre früher auf, als der Gebrauch von Geld. Geld in Form früher Münzen diente in erster Linie dazu, die Höhe von Schulden festzuhalten. Und ganz zum Schluss entstand der Tauschhandel. Der Tauschhandel wurde von Menschen verwendet, denen Geld bereits bekannt war. Systeme des Tauschhandels benutzen oftmals ein Äquivalent von Geld, um Geschäfte abzuwickeln.

Mit der Publikation seines Buchs „Der Reichtum der Nationen“ im Jahr 1776 machte Adam Smith die Ansicht populär, dass Geld erfunden wurde, um als überlegener Ersatz für den Tauschhandel zu dienen. Aber Anthropologen und Historiker fanden heraus, dass vor dem Aufkommen des Geldes keine auf Tauschhandel basierenden Kulturen existierten. Der Tauschhandel kam später als das Geld. Vor dem Geld gab es einige einfache Formen des Handels, oft in Kombination mit komplexen sozialen Ritualen. Aber das geschah eher selten und diente normalerweise dem Austausch zwischen unterschiedlichen Völkerstämmen zu besonderen Gelegenheiten. Es spielte keine Rolle innerhalb eines Volksstamms und war nichts Alltägliches.

Offensichtlich hatten Menschen keine Tauschhandels-Systeme, bis das Geld ins Spiel kam. Einer der Gründe dafür ist, dass ohne Geld ein System des Tauschens viel zu kompliziert gewesen wäre. Der Tauschhandel stellt normalerweise nur einen Ersatz dar, wenn die offizielle Währung gerade nicht verfügbar ist. Und wenn er verwendet wird, dann immer im Hinblick auf eine zuvor vorhandene Währung. Für Hunderte von Jahren beispielsweise, nachdem das römische Empire untergegangen war, benutzten die Menschen den Tauschhandel. Der Wert des jeweiligen Tauschs wurde aber in die römische Währung umgerechnet. Dies geschah sogar in Regionen, die zuvor gar kein Teil des römischen Empires gewesen waren. Tatsächlich machte erst das Geld den Tauschhandel populär.

Wenn die Menschen also den Tauschhandel nicht kannten, bis Geld auf der Spielfläche erschien, was taten sie dann, sofern sie noch nicht mit Geld in Berührung gekommen waren? Wie tauschten sie Güter und Dienstleistungen aus? Normalerweise teilten sie freigiebig miteinander oder beschenkten sich gegenseitig, manchmal auf Aufforderung und im Rahmen von Ritualen. Das Konzept von Schulden war nur ganz beiläufig und informell im Geist der Menschen verankert. Das war so ähnlich wie heutzutage, wenn du das Gefühl hast, dass ein Freund dir noch einen Gefallen schuldet. Dieses System funktionierte sehr gut und es funktioniert auch heute noch gut. Wenn du deinen Freunden oder deiner Familie zu sehr auf der Tasche liegst, dann wird dir schon bald auffallen, dass sie einigen Widerstand dagegen entwickeln, dir noch weitere Gefallen zu tun. Dies geht einher mit einem steigenden Druck auf dich, hin und wieder auch an die Rückgabe zu denken. Wenn du andererseits anderen gegenüber großzügig bist, dann wirst du feststellen, dass sie dir gegenüber auch recht großzügig sind.

In Schulden hineingeboren

Man könnte behaupten, dass wir alle in Schulden hineingeboren werden. Speziell in unseren ersten Jahren hängt unser Überleben von anderen ab. Außerdem profitieren wir vom Wissen und den Fertigkeiten, die andere uns vermitteln. Wenn wir in diese Welt kommen, dann erhalten wir etwas von anderen, das Wert besitzt. Sind wir verpflichtet, diesen Wert zurückzuzahlen? In irgendeiner Form? Vielleicht später im Leben, wenn wir dazu in der Lage sind?

Was hat es deine Eltern gekostet, dich aufzuziehen? Stellt das eine Schuld dar, die du zurückzahlen musst? Entweder ihnen oder der Gesellschaft als Ganzem?

Schau dir all die Dinge um dich herum an, die jemand anders erschaffen hat. Schuldest du irgendwem irgendetwas für diese Geschenke?

Schuldest du der Welt überhaupt etwas für deine Existenz? Wenn du einfach nur vor dich hinlebst, ohne anderen etwas Nennenswertes zu geben, drückst du dich dann vor deinen Verpflichtungen?

Dies sind interessante Fragen, die du auf deinem Weg des Wachstums erforschen kannst. Ich ermutige dich, deine eigenen Antworten darauf zu finden und teile dir meine Gedanken und Erfahrungen dazu mit.

Gott etwas schulden

Schon in meinen frühen Lebensjahren wurde mir beigebracht an einen Gott zu glauben, der die Ansicht vertrat, ich schulde ihm etwas. Von mir wurde erwartet, ihn mein ganzes Leben lang zu verehren. Ich wurde als ein mit Mängeln behafteter Mensch geboren und ich würde immer ein mit Mängeln behafteter Mensch bleiben. Allein die Tatsache meiner Existenz stellte einen Schandfleck in Gottes ansonsten perfekter Welt dar.

So lernte ich vom frühesten Alter an, dass ich in eine immerwährende Schuld hineingeboren war. Ich schuldete Gott meine ganze Existenz und dadurch zog ich eine Schuld auf mich, so groß, dass ich niemals hoffen konnte, sie zurückzuzahlen, ganz egal, was ich auch tun würde. Ich war zwar nach Gottes Ebenbild geschaffen, aber trotz seiner Allmacht verlangte er, dass ich ihn dafür, dass er so wundervoll war, anbetete und verehrte. Und wenn ich das nicht getan hätte, dann wäre er beleidigt gewesen.

Während meiner Teenagerzeit streifte ich vieles von dem ab, was mir während der Kindheit beigebracht worden war, hauptsächlich deshalb, weil es einfach keinen Sinn ergab. Ich wurde Atheist. Ohne die bedrückende Last der Ursünde auf meinen Schultern begann ich, objektiver zu denken. Und ich öffnete meinen Geist für die Idee, anderen von Nutzen zu sein.

Auch die Erfahrung anderen zu helfen, veränderte sich für mich. Es machte mir viel mehr Freude. Es fühlte sich gut an, dass ich wählen konnte, etwas zu geben. Es war das Gegenteil des Gefühls etwas tun zu müssen um eine Schuld zurückzuzahlen oder um einer schlecht gelaunten Gottheit zu gefallen.

Mir war beigebracht worden, dass ich ohne Gott ganz automatisch eine zutiefst egoistische Person sein würde. Aber tatsächlich konnte ich mit Freude eine Menge mehr geben wenn ich mich frei fühlte es selbst zu entscheiden statt aufgrund einer Drohung dazu verpflichtet zu sein.

Die Welt schuldet mir etwas

Und dann, ungefähr ein Jahr später, entschied ich mich, den Gegenpol zu erforschen. Kurz nachdem ich aufs College kam erprobte ich die Philosophie, hauptsächlich für mich selbst zu leben. Dies führte zu jeder Menge kriminellen Verhaltens, Trinken, Spielen und einer Reihe von Verhaftungen. Schließlich wurde mir klar, dass dies nicht die Art war, in der ich leben wollte. Zurückblickend bin ich immer noch froh darüber, dass ich diesen Weg ausprobiert habe, obwohl ich gleichzeitig erleichtert bin, dass ich währenddessen nicht allzu viel Schaden angerichtet habe.

Meine Sichtweise in der damaligen Zeit bewegte sich fort vom Gedanken, dass ich mein Leben Gott und der Gesellschaft verdanke und hin zur Überzeugung, die Welt schulde mir etwas und ich könne mir einfach nehmen, was ich wollte. Es bereitete mir damals besonderes Vergnügen, technische Systeme zu überlisten, die dafür eingesetzt wurden, Diebstahl zu verhindern. Sensoren waren einfach zu umgehen, Sicherheitskameras konnten in die falsche Richtung gelenkt werden. Ganz besonders liebte ich es, Manipulationstechniken anzuwenden und Dinge geradewegs unter der Nase der Verkäufer wegzustehlen. Mein Gewinn war eines anderen Verlust, ich lebte also einen sehr auf Wettbewerb fokussierten Weg.

Ich hätte diesen Weg immer weitergehen können und fantasierte oft darüber, ihn auf verschiedene Art und Weise auszuweiten, was ich manchmal auch in die Praxis umsetzte. Aber die Welt brachte mir bei, dass sie mit meinem Denken nicht einverstanden war. Ich realisierte, dass ich mich in einem permanenten Zustand des Konflikts mit der Welt befände, wenn ich diese Art des Lebens weiterführte, immer mit dem Gedanken im Hinterkopf, wann ich wohl das nächste Mal geschnappt würde. Eine Verhaftung wegen schweren Diebstahls überzeugte mich schließlich davon, einen anderen Lebensweg auszuprobieren.

Frei von Schuld

Meine nächste Phase bestand darin, mit der Vorstellung zu leben, dass ich frei von Schuld sei. Meine Philosophie während dieser Zeit war: „Leben und leben lassen“.

Ich war der Welt zu nichts verpflichtet. Die Welt war mir zu nichts verpflichtet. Du lässt mich in Ruhe und ich lass dich in Ruhe. Jeder kümmert sich um sich selbst so gut er kann. Das war mein Bewusstseinszustand während meiner frühen Zwanziger.

Durchaus ein Fortschritt gegenüber einem Leben in ständigem Konflikt. Aber gleichzeitig hatte ich während dieser Zeit eine Menge Schwierigkeiten zu überstehen. Besonders in den ersten Jahren, in denen ich mein eigenes Unternehmen betrieb. Meine Ziele dienten hauptsächlich mir selbst, sie waren nicht dazu geschaffen, der Welt zu nutzen. Es gestaltete sich sehr schwierig, mein erstes Unternehmen zu führen und ich hatte oft das Gefühl, alles was ich tue, schlägt negativ auf mich zurück.

Dies fand ich absolut frustrierend, denn in meiner „kriminellen Zeit“ war es mir finanziell besser gegangen. Während jener Jahre hatte ich keine Schulden, jede Menge Geld auf der Bank (meist so an die 20.000 Dollar, was für einen 19-jährigen sehr viel war) und ich konnte mühelos meine Rechnungen begleichen, indem ich bei Bedarf gestohlene Gegenstände verkaufte.

Aber ausgerechnet während ich genau das tat, von dem ich das Gefühl hatte, es sei ehrliche Arbeit, versank ich in Schulden und ging pleite. Und das Ganze zog sich über sechs Jahre hin.

Während dieser Zeit las ich Bücher darüber, wie man Geld verdient. Beispielsweise „Denke nach und werde reich“. Aber ebenso gut hätte ich lesen können „Denke nach und gehe pleite“. Die Ratschläge klangen oft gut, „setz dir klare Ziele, visualisiere mehr Reichtum und Fülle, stelle einen Plan auf, arbeite jeden Tag nach diesem Plan“, aber in der praktischen Umsetzung waren meine Resultate sehr kümmerlich.

Wie war es möglich, dass sich ausgerechnet als ich versuchte, ein neutrales Verhältnis zur Welt zu pflegen, es mir so vorkam, als würde die Welt mich feindselig behandeln und mein Leben schwieriger machen, als es hätte sein sollen? Ich spürte, dass es einen einfacheren Weg geben muss.

Das Gegenteil tun

Es gibt eine Seinfeld-Episode, in der George Constanza realisiert, dass seine normale Denkweise noch nie zu guten Resultaten geführt hat. Also versucht er für eine Weile, genau das Umgekehrte zu tun. Was auch immer seine natürlichen Instinkte ihm sagen, er nimmt sich vor, sie umzudrehen und das Gegenteil zu probieren. Während er sich bemüht, nach diesem Prinzip zu leben, läuft für ihn alles wunderbar. Aber plötzlich verschlechtern sich seine Resultate ganz fürchterlich in allen Bereichen.

Nachdem ich mein Soll an frustrierenden Jahren erfüllt hatte, entschloss ich mich, etwas Ähnliches mit meiner eigenen Version der „Tu-das-Gegenteil-Philosophie“ auszuprobieren. Ich erforschte neue Möglichkeiten, die ich zuvor noch nie in Erwägung gezogen hatte. Ich tat das sogar dann, wenn ich den möglichen Nutzen dieser Maßnahmen gar nicht erkennen konnte. Schlimmer hätte es sowieso nicht werden können, weil mein bisheriges Denkschema mich geradewegs in die Pleite geführt hatte. Und da ich bereits pleite war, konnten mir diese Experimente ohnehin kaum noch Schaden zufügen.

Einige dieser „Tu-das-Gegenteil-Ideen“ funktionierten nicht. Aber andere funktionierten sehr gut. Eines der Dinge, die ich während dieser Zeit versuchte war, ehrenamtlich in einem Verband der Softwareindustrie zu arbeiten. Ich hatte nicht die geringste Ahnung, wo mich das hinführen sollte, aber immerhin unterschied es sich von dem, was ich in der Vergangenheit getan hatte. Dies erwies sich als eine meiner besten Entscheidungen. Innerhalb von einem oder zwei Monaten war ich Vizepräsident dieser Organisation und im folgenden Jahr Präsident. Und mein Einkommen, das ich aus dem Verkauf meiner Computerspiele bezog, erhöhte sich innerhalb weniger Jahre von 300 Dollar im Monat auf 20.000 Dollar im Monat .

Aufgrund meines Ehrenamts konnte ich eine Menge Zeit mit anderen unabhängigen Softwareentwicklern verbringen, von denen einige sehr erfolgreich waren. Ich kam außerdem in Kontakt mit der Branchenpresse. Ich lernte, wie ich meine Verkaufsaktivitäten verbessern konnte und es gelang mir, einige kostenlose Pressebeiträge für meine Spiele zu generieren. Aber während der ehrenamtlichen Arbeit tat ich nach Kräften mein Bestes, um für den Verband und seine Mitglieder einen Mehrwert zu schaffen. Meine persönlichen Vorteile ergaben sich als Nebeneffekte des Ehrenamts.

Dies war gleichzeitig der Anlass, mit dem Schreiben von Artikeln zu beginnen. Ich schrieb meinen ersten Artikel im Jahr 1999 für den Newsletter des Branchenverbands. Während der nächsten fünf Jahre verfasste ich ungefähr fünf Artikel pro Jahr. Als ich im Jahr 2004 mit dem Bloggen begann, war das ein Weg für mich, dieses gelegentliche Verfassen von Artikeln auszuweiten. Und all das begann mit der Entscheidung, das Gegenteil dessen zu tun, was ich zuvor getan hatte.

Ich glaube nicht, dass es wirklich die „Tu-das-Gegenteil-Philosophie“ war, die den Unterschied bewirkte. „Tu-das-Gleiche“ funktionierte manchmal ebenso gut. Ich denke, was den meisten Einfluss hatte, war die vollkommen andere innere Einstellung, die ich nach 1999 in meine Arbeit einbrachte. Ich gab den Versuch auf, allein für mich selbst Erfolg haben zu wollen. Ich wurde innerhalb der Branche viel sozialer und umgänglicher und verbrachte eine Menge Zeit damit, andere beim Erreichen ihrer eigenen Ziele zu unterstützen. Ich begann meinen eigenen Erfolg im Kontext eines größeren gesellschaftlichen Umfelds zu sehen.

Zu dieser Zeit trat ich auch erstmals als Sprecher im Rahmen von Industriemessen auf. Ich war Gastgeber eines runden Tisches für Indie-Game-Entwickler während der jährlichen Spiele-Entwickler-Konferenz. Ich schuf ein Internetforum für Indie-Game-Entwickler, hielt es frei von Werbung, sorgte dafür, dass es auf intelligente Weise moderiert wurde und einen wertvollen Beitrag zur Gemeinschaft leistete. Diese Aktivitäten für andere erforderten Hunderte von Arbeitsstunden pro Jahr. Alles davon war unbezahlt.

Vor 1999 galt meine Aufmerksamkeit hauptsächlich meinen eigenen Zielen. Ich wollte erfolgreich werden, mein Unternehmen vergrößern, verkaufskräftige Computerspiele programmieren und jede Menge Geld verdienen. Außerdem wollte ich meine Schulden loswerden. Ich dachte damals wirklich, dies seien anständige und intelligente Vorhaben.

Ich dachte außerdem, dass ich, sobald ich einmal reich sein würde, mich stärker darauf konzentrieren könne, der Welt mehr zurückzugeben. Und dass ich dann in einer besseren Position wäre, das zu tun. Was konnte ich der Welt schon geben, während ich pleite war und Schulden hatte? Gewiss sollte ich mich zunächst auf meine eigenen Ziele konzentrieren und erst einmal etwas für mich selbst aufbauen? Zunächst meinen eigenen Sieg erringen, bevor ich daran denken konnte, einen Beitrag zur Welt zu leisten?

Die Strategie, strikt an meinen eigenen Zielen zu arbeiten, ging nicht auf, sobald ich sie auf Geschäfte und die Generierung von Einkommen bezog. In anderen Bereichen meines Lebens funktionierte sie dagegen gut. Beispielsweise in der Schule. Und das war vielleicht der Grund, warum ich so eigensinnig und für so lange Zeit daran festhielt.

Die Verpflichtung einlösen

Ich entdeckte, dass es mir wirklich gefiel, der Gemeinschaft um mich herum Dienste zu erweisen. Speziell indem ich Artikel verfasste. Die Rückmeldungen, die ich erhielt, waren ermutigend. Sie zeigten mir, dass die Dinge, die ich mit anderen teilte, tatsächlich einen Unterschied im Leben der Menschen machten. Meine frühen Artikel, die ich für den Newsletter des Branchenverbandes schrieb, der in Papierform an ungefähr 1.000 Mitglieder versandt wurde, enthielten auch meine E-Mail-Adresse. Normalerweise bekam ich auf jeden Artikel ein paar E-Mails mit Vorschlägen für zukünftige Beiträge und Rückfragen zu früheren Beiträgen.

Ich erinnere mich an die Zuschrift eines Software-Entwicklers der sich bei mir meldete, nachdem ich schon einige Jahre geschrieben hatte. Er dankte mir dafür, dass meine Ideen ihm geholfen hatten, ein Unternehmen aufzubauen, das mehr als eine Million Dollar Umsatz pro Jahr erzielte. Das war ein besonderer Moment für mich. Ich hatte niemals ein Unternehmen dieser Größe aufgebaut, aber trotzdem war ich auf irgendeine Weise in der Lage, jemandem zu sogar besseren Resultaten zu verhelfen, als ich sie selbst erzielen konnte.

Manche Leute würden bei dieser Art von Rückmeldung vielleicht neidisch werden, aber ich fühlte mich inspiriert und motiviert. Ich dachte “Das ist wirklich klasse, ohne meine Artikel hätte sich seine Firma möglicherweise nicht so gut entwickelt“. Ich war stolz auf das von ihm Erreichte, wissend, dass ich dabei eine Rolle gespielt hatte. Mir gefiel die Idee, dass meine Lektionen für andere Leute vielleicht sogar wertvoller sein konnten, als für mich selbst.

Über Jahre hinweg hatte ich Frustration um Frustration und einen Rückschlag nach dem anderen erlebt, während ich versuchte, meine eigenen Ziele zu verwirklichen. Aber irgendwie konnte ich andere inspirieren Dinge zu tun, die ich selbst nie getan hatte. Ich habe Stapel an CDs, die mir per Post zugesandt wurden, von Musikern, die mir mitteilten, dass ich sie inspiriert hätte, ein neues Album oder einen neuen Song zu erschaffen, von denen einige sogar Lyrik enthielten, die durch meine Artikel inspiriert wurde. Dies ermutigte mich, nach weiteren Erfahrungen zu suchen, die ich weitergeben konnte. Sogar wenn ein Beitrag nur einer einzigen Person helfen würde, erschien mir die Mühe dafür gerechtfertigt.

Dass ich von immer mehr Leuten erfuhr, wie ich sie auf unterschiedlichste Art unterstützt hatte, brachte mich erneut zum Thema der sozialen Verpflichtung. Irgendwann realisierte ich dass, sofern ich der Welt überhaupt jemals etwas für meine Existenz geschuldet hatte, diese Schuld gewiss schon seit Langem abgetragen sein würde. Selbst wenn man mein kriminelles Verhalten während meiner späten Teenagerzeit in Betracht zog, musste ich mich bereits jenseits jedes vernünftigen Maßstabs an Entschädigung befinden, die ich der Gesellschaft, sowohl für meine Unbedachtheit, als auch für meine Existenz, schuldig war.

Als Konsequenz lebe ich jeden Tag in dem Gefühl, dass ich frei von existenziellen Schulden bin. Ich sehe, dass meine Existenz aufgrund der diversen Impulse, die ich ausgesandt habe, in der Summe positiv für die Welt ist. Nicht nach meiner eigenen Rechnung, sondern nach der Rechnung derjenigen, die mir davon berichtet haben. Dies umfasst Bücher, die Menschen schrieben, Musik, die komponiert wurde, Beziehungen, die entstanden sind, Unternehmen oder gemeinnützige Einrichtungen, die gestartet wurden, für die Menschen mir dankten, weil ich sie dabei unterstützen konnte.

Die meisten meiner Artikel wurden so geschrieben, dass sie zeitlos sind und ich habe sie vom Copyright befreit. Sie sind in viele Sprachen übersetzt und in vielfacher Form veröffentlicht worden. Deshalb kann ich sicherlich davon ausgehen, dass die Ideen, die ich ausgesandt habe, auch weiterhin über viele Jahre hinweg positive Effekte nach sich ziehen werden. Dies gibt mir das Gefühl, dass ich nicht nur meine existenziellen Schulden für mein bisheriges Leben beglichen habe, sondern mehr als genug für alle Jahre, die für mich auf dieser Erde noch kommen mögen.

So bin ich jetzt wieder am Anfang des Kreises angelangt. Ich bin wieder an dem Punkt angekommen, an dem ich das Gefühl habe, der Welt für meine Existenz nichts zu schulden. Aber diesmal nicht, weil ich eine Verpflichtung leugnen würde, sondern weil ich denke, dass sogar, falls es jemals eine Verpflichtung gegeben hat, ich dieser bereits mehr als nachgekommen bin.

Die Verpflichtung übererfüllen

Dieser Eindruck, dass ich meine Verpflichtungen übererfüllt habe, führt mich zum Gedanken, dass ich es verdiene, vom Leben unterstützt zu werden. Jedoch erscheint mir dies nicht wie eine Art von Anspruch, den ich geltend machen könnte, sondern mehr wie ein natürlicher Ausgleich. Ich glaube, dass ich der Welt mehr als genug an Wert gegeben habe, um die Kosten meiner Existenz zu decken.

Manchmal denke ich, „Hey, ich habe schon so viel gegeben, warum soll ich es nicht für eine Weile ruhig angehen lassen? Die Leute können jederzeit deine älteren Artikel lesen. Warum schreibst du noch immer so viel? Das musst du ganz sicher nicht tun. Du hast jede Menge Geld. Geh für eine Weile auf Reisen. Nimm dir eine Zeit lang frei. Wenn irgend jemand es sich verdient hat, seine Zeit zu verbummeln, dann bestimmt du.

Aber wenn ich dann versuche, in dieser Weise zu leben, fühlt sich das nicht richtig an. Ich bin nicht mehr so glücklich. Das passive Einkommen fließt weiter und meine Rechnungen werden bezahlt, aber ich fühle mich nicht mehr im Einklang mit meinem Weg des Herzens.

Einige Zeit freizunehmen, wenn ich eine Pause brauche, fühlt sich gut an. Aber wenn ich aufhöre zu geben und eine Weile allein an meinen persönlichen Zielen arbeite, spüre ich, dass ich mich nicht mehr im Flow befinde.

Ein einfacher Weg

Wenn ich spüre, dass ich den Kontakt zu meinem Weg des Herzens verliere, erinnere ich mich selbst oft an eine simple Methode der Wiederausrichtung. Dadurch kann ich sicher sein, zurück in das Empfinden des Flow zu kommen, das ich so sehr liebe.

Mein favorisierter Weg der Wiederausrichtung ist es, einen neuen Artikel zu schreiben und zu veröffentlichen. Und ich muss diesen Artikel mit einer selbstlosen Motivation schreiben. Ich kann nicht aus egoistischen Motiven schreiben oder an die Reaktionen der Leser denken oder an die Effekte auf den Webtraffic oder irgendetwas in der Art. Meine Motivation muss es sein, aus der Inspiration heraus zu schreiben und Menschen bei ihrem inneren Wachstum zu helfen.

Wann immer ich das tue, führt es mich ganz leicht zurück auf den Weg meines Herzens.

Es ist sehr ermutigend für mich, wenn ich weiß, dass egal wie durcheinander ich sein kann, wie weit aus der Spur gelaufen oder was für einen Mist ich gerade baue, ich immer zu diesem einfachen Akt der Wiederausrichtung zurückkehren kann. Ich kann immer aus einer reinen Geisteshaltung heraus einen neuen Artikel schreiben und veröffentlichen. Es ist wunderschön zu wissen, dass ich für den Rest meines Lebens diese einfache Methode zur Verfügung habe, um wieder und wieder in Einklang mit mir selbst zu kommen.

Wann immer ich viel schreibe, was meine hauptsächliche Form des Gebens zu sein scheint, fließt mein Leben mit müheloser Leichtigkeit.

Ausrichtung contra Schuld

Ich denke, die Idee existenzieller Schuld ist ein wenig irregeleitet. Sie ist eine Vorstellung, die korrumpiert und in etwas verdreht wurde, das dich eher von deiner Ausrichtung entfernt.

Das Ringen mit der Frage, ob ich der Welt etwas für meine Existenz schulde, war ein wichtiger Teil meines Entwicklungsweges. Aber heutzutage sehe ich das Geben als eine Einladung und nicht als eine Verpflichtung.

Mein Weg des Herzens ist es nicht, eine Schuld aus Pflichtgefühl abzuzahlen. Mein Weg des Herzens ist es, die Einladung anzunehmen, kreativ zu sein, zu geben und zu teilen. Ich tue es nicht, weil ich irgendwem irgendetwas schulde. Ich tue es nicht, weil ich Geld benötige. Ich tue es, weil ich es liebe, im Flow der Inspiration zu leben. Schreiben, Sprechen und andere Formen des Mitteilens machen mich glücklich. Wenn ich schreibe, bin ich im Frieden.

Bedürftigkeit überwinden

Jede Woche schreiben mir Leute Sachen wie: “Ich brauche Geld. Sag mir einfach, wie ich sehr schnell sehr viel Geld verdienen kann.” Was kann ich jemandem antworten, der mit einer Geisteshaltung kämpft, der ich in meinen frühen Zwanzigern erlegen bin?

Ich könnte ihnen erklären, wie ich ähnliche Geldprobleme gelöst habe, nämlich im Grunde damit, dass ich aufhörte, mich bedürftig zu fühlen. Aber ich glaube, dass ihnen meine Antwort überhaupt nicht gefallen würde. Denn was sie sich wirklich von mir wünschen ist, dass ich ihnen sage, wie sie ihr Problem innerhalb ihrer gegenwärtigen Geisteshaltung lösen können. Das ist etwas, das ich ihnen nicht sagen kann, weil ich selbst mit diesem Zugang nur Fehlschläge erlebt habe.

Wie erklärst du ihnen, dass die Lösung darin liegt, ihre Bedürftigkeit zu beenden, wenn sie selbst so süchtig sind nach den Gefühlen der Bedürftigkeit, der Schuld und der Verpflichtung?

Und wie hört man überhaupt auf, bedürftig zu sein? Bedürftigkeit ist etwas das du spürst, wenn du dich von deinem Weg des Herzens entfernt hast. Um also die Bedürftigkeit zu beenden, musst du etwas tun, was mit Bedürftigkeit inkompatibel ist. Beginne zu geben. Beginne einen Beitrag zu leisten. Arbeite ehrenamtlich. Handele aus einem reinen Geist heraus. Hör’ auf deine Eingebung und folge ihr ohne zu zögern.

Tu das Gegenteil dessen, was bedürftige Leute tun. Tu das, was du tun würdest, wenn du dich bereits inmitten der Fülle befändest.

Die Reinheit der Motivation

Wenn du deine eigene Methode der Wiederausrichtung finden müsstest, wie würde sie aussehen? Wenn du dich von deinem Weg des Herzens entfernt hättest, was wäre der schnellste Weg dorthin zurück?

Starte mit einer selbstlosen Motivation. Lass es deine Absicht sein, einen selbstlosen Beitrag zu leisten. Lade die Eingebung ein, zu dir zu kommen und durch dich zu fließen, so wie du ein Radio auf einen bestimmten Sender einstellst. Entscheide dich dafür, deiner Eingebung ohne Zögern zu folgen. Tu dein Bestes, jedes Gefühl der Bedürftigkeit oder Erwartung zurückzuweisen. Nimm dir einige Stunden und fasse den Entschluss, dich über Kleinlichkeit, Eigennutz, Bedürftigkeit und Angst zu erheben. Lass dies eine feierliche Zeit für dich sein. Du hast immer die Möglichkeit, später wieder zum Gefühl der Bedürftigkeit zurückzukehren.

Lass deinen Geist für eine Weile umherschweifen. Zwinge dich nicht zum Handeln. Wenn du dich bereit fühlst, lass dich durch den Fluss der Eingebung kräftigen und beleben. Erlaube ihm, durch dich zu sprechen, durch dich zu schreiben, durch dich zu fließen.

Bemerke, wie gut es sich anfühlt, in selbstloser Absicht zu handeln. Da gibt es keine Bedürftigkeit, keine Schuld, keine Verpflichtung, keine Sorgen. Realisiere, dass du stets zurückkehren kannst, zu diesem reinen Akt der Wiederausrichtung. Immer und immer wieder. Welche Form er auch annehmen mag, es liegt allein an dir, ihn herbeizurufen, sobald du den Wunsch hast, dies zu tun. Egal, wie weit du von deinem Weg des Herzens abgekommen bist. Du kannst jederzeit dorthin zurückkehren.

Die Lösung

Du hast keine Schulden für deine Existenz zu bezahlen, aber du hast eine Existenz zu erfahren und zu erleben. Du kannst diese Erfahrung damit verbringen, in Bedürftigkeit zu schwelgen, in Angst, in Sorge oder du kannst diese Erfahrung zu einem Ort des Flow und der Ausrichtung erheben.

Ich denke du wirst entdecken, dass diese Erfahrung gleichzeitig ein wunderbarer Weg ist, der dich aus Schuld, Verpflichtung und Mangel herausführt.

Du musst deine existenzielle oder finanzielle Schuld nicht begleichen, bevor du beginnen kannst zu Geben. Dein Weg des Herzens ist nicht für einen späteren Zeitpunkt bestimmt, wenn du irgendwelche Voraussetzungen dafür erfüllt hast. Dein Weg des Herzens ist die ideale Lösung für deine gegenwärtigen Probleme. Es ist genau der Pfad, der dich aus der Schuld herausführt und dich befähigt, deinen Beitrag zur Welt zu leisten.

Es gibt nichts was du erst noch tun müsstest, bevor du geben könntest. Du kannst einen positiven Unterschied im Leben der Menschen machen, genau von dort aus, wo du dich befindest. Ich schrieb meinen ersten Artikel, während ich gerade dabei war, pleite zu gehen. Im Mangel zu leben, erscheint mir heute wie eine weit entfernte Erinnerung und mein Weg aus der Knappheit heraus begann mit einer selbstlosen Motivation, kombiniert mit der scheinbar dummen Entscheidung, das Gegenteil dessen zu tun, was Bedürftige tun.

Funktioniert Bedürftigkeit denn überhaupt für dich? Gibt sie dir das, was du dir wünschst? Hat sie dein Leben mit Freude und Fülle gesegnet? Falls nicht, ist jetzt vielleicht die Zeit, das Gegenteil zu versuchen.

Sollte dieser Weg dir nicht gefallen, dann wäre mein zweitbester Vorschlag, ein Krimineller zu werden. Aber da ich beides schon selbst ausprobiert habe, kann ich dir versichern, dass der Weg des Herzens der leichtere ist  ;-)

Quelle: Steve Pavlina

(Frei übersetzt und leicht gekürzt vom 3w-cafe/Frank Korte)