Absolut und Relativ: Das SEIN, die Welt und die Balance

Im letzten Beitrag erwähnte ich an einer Stelle eine häufig zu beobachtende Schwierigkeit spirituell bewegter Menschen und erhielt dazu eine E-Mail mit der Bitte, mehr darüber zu schreiben. Es ging um die Balance zwischen der Umsetzung gewonnener Einsichten und den vielen Kompromissen, die das Leben in der heutigen Gesellschaft von uns fordert.

Man muss nicht spirituell orientiert sein, um diesen Konflikt nachvollziehen zu können. Es ist ein ähnlicher Konflikt, wie ihn ökologisch oder politisch orientierte Menschen empfinden. Besitze und fahre ich ein Auto trotz meines Wissens um die Auswirkungen für die Umwelt? Muss ich wirklich um die halbe Welt fliegen und meine persönliche Öko-Bilanz ruinieren? Arbeite ich weiter in diesem Unternehmen, das mir zwar ein üppiges Gehalt zahlt, aber leider Neoliberalismus und Rücksichtslosigkeit pur verkörpert? Obwohl ich weiß, dass ich mich damit zum Handlanger von Interessen mache, die alles negieren, an was ich im Leben glaube?

Alle Menschen, die ein gewisses Bewusstsein für das Ganze, jenseits ihrer kleinen, persönlichen Welt entwickelt haben, gehen jeden Tag mehr Kompromisse ein, als sie zählen können. Und je nachdem, wie tief ihre Überzeugungen sind und wie vehement ihr Gewissen sich bemerkbar macht, reicht die Spanne der Risiken und Nebenwirkungen von leichtem Unbehagen über bohrenden Schmerz bis zu latentem Selbsthass. Nicht immer entfaltet die Bequemlichkeit ihre sedierende lindernde Wirkung.

In diesem Beitrag möchte ich mich auf spirituell begründete Konfliktlagen konzentrieren. Man macht auch in diesem Bereich Erfahrungen, durch welche die üblichen Rituale und oberflächlichen Ansichten der Gesellschaft als hohl und leer demaskiert werden.

Direkte Erfahrung – Direkte Wirkung

Ein spiritueller Lehrer wurde einmal gefragt: „All’ diese Einsichten, die ich gewonnen habe, wie soll ich die denn jetzt eigentlich in meinen Alltag integrieren?“
Als Antwort stellte er die Gegenfrage: „Ja, genau — wie integrierst du den Ozean in eine Tasse Wasser?“

Ich weiß nicht, ob diese Antwort dem Fragenden geholfen hat, sie stellt jedenfalls eine gewisse Extremposition dar. Nun eignen sich Extrempositionen im Allgemeinen aber schlecht als Basis, auf der man in dieser Gesellschaft überleben kann. Wenn spirituell Bewegte sich auf solche absoluten Standpunkte zurückziehen und beispielsweise Dinge von sich geben wie: „Diese Welt ist sowieso nur Illusion, deshalb spielt es keine Rolle, was passiert“, bringt das nicht nur ahnungslose Normalbürger, sondern insbesondere auch politisch und ökologisch Bewegte auf die Palme. Selbst, dass inzwischen sogar die ganz normale, konservative, etablierte Wissenschaft den Illusions-Standpunkt unterstützt, ändert daran wenig. Irgendwie macht sich eine natürlich erscheinende Abwehrreaktion gegen Extrempositionen und deren Konsequenzen in uns breit, wenn wir so etwas hören.

Zum einen liegt das daran, das wir gewisse Wahrheiten einfach nicht „wahr-haben“ wollen, weil sie das individuelle Spiel des Lebens, das wir uns in unserem Kopf zusammengebastelt haben, stören und die Welt für uns zu kompliziert machen würden. Das ist nicht viel anders, als beispielsweise das Wissen um die herannahende Klimakatastrophe, die irgendwo in unserem Hinterkopf gespeichert ist. Wir wollen uns nicht lieb gewonnene Aktivitäten von unbequemen Wahrheiten lahmlegen lassen, indem wir deren Schlussfolgerungen konsequent in unserem Verhalten umsetzen. Jedenfalls nicht, solange es nicht alle anderen auch tun.

Andererseits gehen spirituelle Einsichten häufig noch viel tiefer ans „Eingemachte“ und stellen so ziemlich alles in Frage, was überhaupt in Frage gestellt werden kann, bis hin zum Zweifel an der Realität der eigenen Existenz. Deshalb kommt an dieser Stelle die Angst ins Spiel. Nicht die Art von Angst, die uns vor einem Abgrund zurückweichen lässt, dem wir während einer Wanderung in den Bergen zu nahe kommen, sondern eine diffuse, unbestimmte Angst. Das ist sehr schade, denn diese irrationale Angst hält uns davon ab, neue Erfahrungen zu machen und unterdrückt Leben und Lebendigkeit in uns. Sie beschneidet eine wesentliche Fähigkeit, die uns als Menschen auszeichnet. Nämlich die Fähigkeit, über das uns schon Bekannte hinauszugehen.

Ich möchte das an einem Beispiel verdeutlichen. Den oft gehörten Hinweis, dass „alles miteinander verbunden ist“, dass alles aus ein und derselben Substanz besteht (und dass es sich bei dieser Substanz nicht um Materie handelt!), kann man rational vielleicht halbwegs nachvollziehen. Immerhin haben dies nicht nur spirituell orientierte Menschen seit Jahrtausenden behauptet, sondern es wird inzwischen auch von der Physik bestätigt. Aber wie die allgemeine Lebenserfahrung und der im Prinzip dysfunktionale Zustand unserer Gesellschaften zeigen, führen rein rationale Einsichten nur in begrenztem Maße zu heilsamen Resultaten. Solange man im Bereich des Denkens bleibt, tut das Denken eben das, was das Denken nun mal tut. Es ist zu direkter Wahrnehmung überhaupt nicht fähig, weil es ständig damit beschäftigt ist zu interpretieren, oder, anders gesagt: Wirklichkeit zu verzerren und in bereits vorhandene Schubladen zu sortieren. Ab und zu bastelt es sich eine neue Schublade zurecht, die aber meist ganz verdächtig den bislang schon vorhandenen ähnelt …

Ein spiritueller Zugang dagegen bietet durch seine speziellen Methoden zumindest die Chance auf die direkte Erfahrung der Einheit aller Erscheinungen, die unmittelbare Sicht auf die Realität dieser Einheit, ohne den verzerrenden Filter des Denkens. Nur so erfährt man das Wunder der Existenz in einer Art und Weise, die tief berührend und unauslöschlich ist.

Die Konsequenz daraus: Es wird nach einer derartigen Erfahrung sehr viel schwerer als zuvor, vor einzelnen Teilen dieses gewaltigen Puzzles zu stehen — vor einem Tier, vor einer Pflanze, vor einem See — und allen Ernstes zu glauben, man hätte das Recht, zu ignorieren, gering zu schätzen, zu bewerten, zu missbilligen, zu zerstören. Die unmittelbare Sicht führt zur unmittelbaren Wirkung.

Deshalb betone ich auf diesem Blog immer und immer wieder, dass ich die Spiritualität als Dimension unseres Bemühens um eine geheilte Welt für unverzichtbar halte. Auch wenn der Zugang vielen schwerfällt und dem Anfänger die Vielfalt der Wege verwirrend oder gar bedrohlich erscheint.

Zurück zum obigen Beispiel. Spirituelle Erfahrungen machen aus niemandem einen Übermenschen. Selbst der Buddha oder Jesus haben nie behauptet, etwas anderes als Menschen zu sein. Also entsteht der klassische Konflikt: Wie weit bin ich in der Lage, die Schlussfolgerungen, die sich aus meiner Erfahrung ergeben, in meinem Alltag umzusetzen und wie tief reichen meine Erfahrungen überhaupt?

Lebenskonzepte

Sofern man keine Höhle im Himalaja als bevorzugten Wohnort wählt, wird man sich gezwungen fühlen, sich auf das Spiel der relativen Wahrheiten einzulassen. Auf die Übereinkünfte zwischen Menschen und sozialen Gruppen, auf Konzepte wie Familie, Heimatland, Eigentum, Arbeitsleben, Beziehung, Partnerschaft usw. Also auf Konstrukte des Denkens und sozialer Programmierung, die Emotionen und endlose Geschichten nach sich ziehen und die für den allergrößten Teil des Leidens verantwortlich sind, das auf der Welt zu beobachten ist. In unserer kleinen, persönlichen Welt, ebenso wie auf globaler Ebene.

Zum Positiven dieser Konzepte wird oft behauptet, sie seien angeblich nicht nur für den größten Teil des Leidens, sondern auch für den größten Teil der Freude verantwortlich, die man als Mensch erleben kann. Darauf gibt es keine einfache Antwort und jeder muss für sich selbst entscheiden, ob diese Gleichung für ihn aufgeht. Eine authentische Spiritualität wird solchen Konzepten tendenziell eher argwöhnisch gegenüberstehen, weil sie das Versprechen, das sie in sich tragen, schlicht und einfach nicht einlösen können und allenfalls zu temporären und sehr brüchigen Formen von Zufriedenheit führen. Und weil sie sich viel zu häufig unversehens in Gefängnisse verwandeln.

Auch hier macht es wieder, wie im obigen Beispiel zur Wahrnehmung der Ganzheit, den entscheidenden Unterschied, ob diese Einsichten lediglich rational gewonnen wurden oder mit dem ganzen Sein durch direkte Erfahrung. Insbesondere spirituell Bewegte bereiten sich selbst immer wieder großen Kummer, indem sie ihren Einsichten vorauseilen, sich Restriktionen auferlegen und sich in innere Konflikte verstricken. Solange man unerfüllte Wünsche an diese Konzepte hat, und das haben die meisten von uns, wäre es ein großer Fehler, diese zu negieren und zu unterdrücken. So erreicht man das Gegenteil dessen, was man will und hält das Hamsterrad der Wünsche länger als nötig am Laufen.

Viel zielführender ist es, diese unerfüllten Wünsche zu leben. Wenn nötig, immer und immer wieder und auf diese Weise immer und immer wieder an den Punkt zu kommen, an dem ihre Leerheit zutage tritt. Jenen Punkt, an dem man als ganzer Mensch, mit ganzem Sein realisiert, dass man Ersatzbefriedigungen hinterhergelaufen ist.

Dazu muss man das Spiel allerdings mit voller Beteiligung spielen. Dies ist vielleicht am ehesten mit einem Film oder Theaterstück zu vergleichen. Was den brillanten Schauspieler vom schlechten Schauspieler unterscheidet, ist das Aufgehen in seiner Rolle. Er spielt die Figur, die er darstellen soll, nicht nur, sondern er wird Eins mit der Figur und ihrer Geschichte. Oder, von der anderen Seite, der Seite des Zuschauers aus betrachtet: Einen Film oder ein Theaterstück werden wir nur dann voll mit unserem ganzen Wesen erleben können, wenn wir komplett vergessen, dass wir Schauspieler und eine gestellte Handlung vor uns sehen. Wenn wir die ganze Zeit denken, dass die Person auf der Leinwand ja eigentlich der Schauspieler XY ist, der gerade diese haarsträubende unglückliche Affäre mit dem russischen Model hatte und durch seinen exzessiven Drogenkonsum öfter in den Schlagzeilen auftaucht als durch seine Auftritte … dann können wir uns den Film eigentlich sparen. Er wird keine Erfahrung für uns sein, die uns durch und durch berührt.

Wir müssen also, wenn wir schon mitspielen, ein guter Schauspieler und ein guter Zuschauer sein und uns der vollen Erfahrung unserer Geschichten aussetzen, um sie in allen Konsequenzen zu erfassen.

Was soll das überhaupt?

Wozu gibt es die Welt? Wozu gibt es uns? Die folgenden beiden Sätze stellen aus spiritueller Sicht eigentlich die Erklärung für die gesamte Existenz des Universums dar. (Toll, was einem auf diesem Blog alles geboten wird ;-)

Im Spiel des Lebens erfährt sich das Ganze durch seine Teile und wird sich durch diese seiner selbst bewusst. Etwas das ungeteilt ist, kann sich nicht selbst erfahren.

Daher ist es überhaupt keine Option, das Spiel des Relativen nicht mitzuspielen. Wir wären nicht hier, wenn dies nicht unsere Bestimmung wäre, auch wenn diese Erkenntnis vielen spirituellen Menschen immer wieder Kummer bereitet und sie sich „auf dieser Welt nicht ganz Zuhause fühlen“.

Wohltuend ist es, von Zeit zu Zeit aus den Geschichten zurückzukehren und sich der einen, ungeteilten Realität bewusst zu sein, von der man sich für den Zweck des Spiels zum Schein abgespalten hat. Dabei geht es im Grunde nur darum, in aller Einfachheit mit dem zu sein, was sich inmitten aller Veränderung niemals verändert, was immer gleich und immer hier ist. Das ist unser wirkliches Zuhause. Es ist ein Zuhause, das von nichts abhängig ist. Ja, tatsächlich, von gar nichts.

Es gibt eine sehr bekannte Aussage:
Der einzige Unterschied zwischen einem Weisen und euch ist: Ihr seht die Welt und identifiziert euch damit. Ihr glaubt, sie sei real. Der Weise sieht die Welt und weiß, sie ist eine Erscheinung im Bewusstsein. Also identifiziert er sich mit dem Bewusstsein.“

Was ich dieser Aussage anmerken möchte: Sie kann leicht missverstanden werden in dem Sinne, dass man glauben könnte, mit ihr sei eine Wertung verbunden. Hier die „unechte, schlechte Welt“, dort das „echte, gute Bewusstsein“. Das würde auf eine falsche Spur führen, denn jede Verkörperung geschieht im Sein und es verkörpert sich nichts, das nicht Sein ist. Alles ist „gleich wertig“.

Das sind absolute Wahrheiten, die wir nicht vergessen dürfen, obwohl wir in der Welt des Relativen ständig nicht anders können, als mit ja und nein, wichtig und unwichtig, gut und schlecht umzugehen. Unsere Gesellschaften sind so beschaffen, dass sie uns immer wieder vom Wesentlichen fortziehen ins Unwesentliche, vom Wahren ins Illusionäre. Unwirklichkeit kann sich nur dadurch aufrechterhalten, dass man nicht genau hinschaut. Spirituelle Wege bieten eine Vielzahl von Werkzeugen an, genauer hinzuschauen, Prozesse zu erkennen, zu durchschauen und ihre Wirkung umzudrehen.

Aber spätestens am Ende unseres Lebens werden wir verstehen, dass alle Polaritäten im Sein zusammenfließen. Und dass Sein nicht uns gehört, dass Körper, Welten und Gedanken es nicht fassen können, dass Sein frei ist und ewig. Und dass Ewigkeit nicht „eine sehr lange Zeit“ bedeutet, sondern die Abwesenheit von Zeit. Die Spiritualität bietet uns die unglaublich spannende Möglichkeit, all’ das schon jetzt, mitten im Leben zu erfahren.

Wir werden zwar für kurze oder längere Zeiträume unsere Weisheiten vergessen und reihenweise in alle möglichen Fallen purzeln. Wir werden uns immer wieder sehr menschlich und sehr fehlbar verhalten, unglaubliche Dummheiten begehen und jedes Leiden erdulden müssen, das dieses Leben mit sich bringt. Wir werden trotz unserer Einsichten immer wieder auch den Geschmack des Scheiterns kosten und uns mühsam hochrappeln.

Aber indem wir das Relative leben und gleichzeitig unser wahres Zuhause nicht vergessen, werden wir mit Erstaunen feststellen, dass wir mitten im Scheitern die offene Tür zum Absoluten finden.

Und das ist, nebenbei bemerkt, auch die tiefe Bedeutung der christlichen Symbolik. Das „Göttliche“ inkarnierte, verkörperte sich in der Welt. Im tiefsten Scheitern der Kreuzigung transformierte sich der Mensch Jesus, die Persönlichkeit, in die unpersönliche Christus-Energie, symbolisiert durch die Auferstehung.

Letztlich ist das unser aller Aufgabe und Bestimmung. Wir denken immer, jemand anders könnte uns etwas geben, das wir selbst nicht hätten. Aber wir müssen auf niemanden warten, der alles wieder in Ordnung bringt. Im wunderbaren Buch „A Return To Love“ von Marianne Williamson heißt es an einer Stelle:

„Die Welt sehnt sich nach Heilung, so verzweifelt wie ein Vogel mit gebrochenen Flügeln. Die Menschen wissen das und Millionen haben gebetet. Gott hat uns erhört. Er hat Hilfe gesandt. Er sandte Dich.“