Die Phasen einer Beziehung

Im Laufe der letzten Monate erreichten mich mehrere Hundert Anfragen, warum auf diesem Blog eigentlich von lauter Dingen die Rede sei, die keinen einzigen Menschen interessieren? Ich solle doch stattdessen endlich mal etwas über das Thema Beziehung schreiben. Das sei es schließlich, was diese Welt in Gang hielte.

Weil mir nichts Menschliches fremd ist, nehme ich die Anregung gerne auf. Und weil Männer im Allgemeinen mit wichtigeren Dingen beschäftigt sind (Geld, Computer, Fußball) interessieren sich überwiegend Leserinnen für diese Thematik. Daher fokussiert sich der folgende Beitrag auf die weibliche Sichtweise ‒ oder, exakter ausgedrückt, auf meine (männliche) Interpretation dieser Sichtweise.

Ein grundsätzliches Wort voraus

Moderne, emanzipierte Frauen gehen bewusst oder unbewusst davon aus, Männer ließen sich im Laufe der Zeit reparieren. Aus dem zwangsläufigen Scheitern dieser Erwartung resultieren die hier aufgeführten typischen Phasen einer Beziehung. Der folgende Text mag wie Schwarz/Weiß-Malerei und klischeebeladen erscheinen, dabei ist aber zu bedenken, dass es sich um ein Durchschnittsverhalten und grundlegende Tendenzen handelt. Individuelle Ausprägungen sind natürlich unendlich viel differenzierter, als die rein schematische Darstellung, auf die sich der vorliegende Beitrag beschränken muss. Die meisten dieser individuellen Ausprägungen lassen sich im Kern jedoch auf die dargestellten Mechanismen und Beweggründe zurückführen.

Phase I: Ist er gut genug?

Sie erspäht einen attraktiven Mann. Männer reagieren im Allgemeinen vorhersehbar, deshalb bleibt der Aufwand der Kontaktanbahnung überschaubar. Innerhalb von zwei bis vier Sekunden gelingt es ihr, sein Interesse zu wecken.

Der Mann führt das daraus resultierende Vorstellungsgespräch in der Überzeugung, gerade auf lockere Art eine nette Bekanntschaft zu machen. Sie dagegen befindet sich bereits inmitten intensiver und anspruchsvoller Beziehungsarbeit.

Ohne es zu ahnen, wird er zum Objekt einer Evaluation, wie sie beispielsweise in Assessment-Centern üblich ist. Kleinste Details seiner Erscheinung, seines Verhalten und seiner Ausdrucksweise sowie der Kleidung werden psychoanalytisch gedeutet. Ein ungünstig gewähltes Muster seines Hemdes beispielsweise, kann ihn als Lebenspartner innerhalb von Sekundenbruchteilen für immer disqualifizieren. Sie könnte einfach niemals mit einem Partner zusammenleben, der ein solches Hemd trägt. Undenkbar!

Nach etwa zehnminütiger, ihm vollkommen harmlos erscheinender Konversation, von deren zahlreichen Zwischentönen er nichts mitbekommt, ist eine komplette Gen-Analyse durchgeführt und seine Vermögensverhältnisse, sein aktuelles Einkommen sowie seine Familiengeschichte sind eruiert. Die Details ihrer gemeinsamen glücklichen Zukunft wurden in ihrer Vorstellung sorgfältig ausgearbeitet, sie weiß, wie viele Kinder sie von ihm bekommen will, ob das erste Kind ein Mädchen oder ein Junge wird oder vielleicht ein gemischtes Doppel ansteht. Sie visualisiert die ungefähren Dimensionen ihres gemeinsamen Heims, den Stil der Möbel und die Farben der Tapeten. Vor ihrem geistigen Auge erscheint eine umfangreiche To-do-Liste, die darüber Auskunft gibt, was genau sie in Kürze an ihm und seinem Leben ändern wird.

Phase II: Wie toll er ist!

ER ist der größte, märchenhafteste, unnachahmlich klügste Held ‒ und sooo originell! ER vereint die Qualitäten sämtlicher Stars, für die sie in ihrer Teenagerzeit schwärmte, in einer einzigen wundervollen Person. Falls Starkult nicht ihr Ding gewesen sein sollte, ersatzweise die Qualitäten ihres über alles geliebten Papas. Der TRAUMMANN ist auf Erden herabgestiegen!

Sie weiß natürlich, dass ein solches Wesen in der Realität kaum existiert, aber hier hat Gott, ganz speziell für sie, eine Ausnahme gemacht und ihr einen echten Helden geschickt!

Für den Mann stellt Phase II die angenehmste Phase der Beziehung dar, weil er so gesehen wird, wie er tatsächlich zu sein glaubt. Zugleich ist dieser Zeitraum der Einzige, in dem er von der Beziehung profitiert und das Zusammensein mit ihr genießen kann.

Der Mann erkennt Phase II daran, dass die Freundinnen seiner Partnerin, sobald er auftaucht, ihre Köpfe zusammenstecken, hysterisch kichern und ihm anzügliche, wissende Blicke zuwerfen, während sie ihn von oben bis unten neidisch mustern.

Dauer dieser Phase: zwei bis drei, in seltenen Ausnahmefällen bis zu vier Monaten.

Phase III: Wie repariere ich ihn?

Er hat im Praxistest leider zahlreiche Defekte und Mängel offenbart, die sie anfänglich völlig übersehen hatte. Um es in einem Satz zu sagen: Er verhält sich in vielerlei Hinsicht wie ein Mann! Außerdem sprießen ihm plötzlich Haare aus dem Gesicht. Bart geht gar nicht. Und er könnte ruhig öfters mal duschen.

Wenn sie die vergangenen Monate mit ihm rekapituliert ‒ ihr ist nicht das kleinste Detail entgangen und nicht ein einziges Wort entfallen, das er jemals von sich gegeben hat ‒ muss sie bedauerlicherweise feststellen, dass er so unmöglich, so unausstehlich, so in seinem Wesen grundsätzlich mit Makel behaftet ist, dass es sie schon schaudert, wenn er sie nur berührt.

Was er alles nicht kann! Und welche skurrilen Angewohnheiten er hat! Und wie er sich anzieht! Und wie verschlossen er ist! Er redet mit niemandem über seine Probleme, nicht mal mit den Leuten, die er als seine besten Freunde bezeichnet. Das kann doch nicht gesund sein. Er treibt sie zur Verzweiflung. Sie versteht nicht, warum er solch ein Bedürfnis nach Distanz hat. Und was zum Teufel soll es bedeuten, wenn er sagt, dass er seinen Freiraum nicht aufgeben will? Das hat sie total verletzt. Sie ist schließlich schon 26 und die biologische Uhr steht auf Fünf vor Zwölf. Sie kann nicht mehr so tun, als wäre sie jung und hätte noch alle Zeit der Welt!

Hier beginnt die Etappe stundenlanger Problemdiskussionen der Partnerin mit ihren diversen Freundinnen und Therapeutinnen. Als Frauen sind sie natürlich aus genetischen Gründen allesamt Expertinnen auf dem Gebiet der Psychotherapie. Ca. 60 % aller Cafés müssten aufgrund von Umsatzmangel sofort schließen, wenn Phase III nicht existierte. Auch das gesamte ehrbare Friseur-Handwerk würde augenblicklich zusammenbrechen.

Dieses Stadium der Beziehung ist für ihn relativ leicht zu identifizieren. Die Freundinnen seiner Partnerin, die noch vor kurzem zuckersüß und freundlich zu ihm waren, betrachten ihn plötzlich mit einer Mixtur aus Mitleid, Abscheu und sezierender Schärfe ‒ als sei er ein besonders gefährliches Insekt, das an ihrer Schlafzimmerwand entlangkrabbelt.

Außerdem erkennt er diese Phase an mehrstündigen, überwiegend mitten in der Nacht oder am frühen Morgen stattfindenden, immer erregter werdenden Diskussionen, die sich in der Hauptsache um die Frage drehen, warum er eigentlich nicht selbst bemerke, dass er dringend psychiatrische Hilfe benötige? Er solle sich einen Therapeuten suchen, das sei doch heutzutage nicht Schlimmes mehr. Diese Diskussionen lassen ihn verwirrt, frustriert und desorientiert zurück.

Dauer dieser Phase: drei Wochen bis vier Monate.

Phase IV: Leider keine Hoffnung mehr

Ihre umfassenden Feldstudien unter Praxisbedingungen und die intensiven analytischen Sitzungen mit ihren Freundinnen haben Sie überzeugt. Sie realisiert nun ohne die Spur eines Zweifels, dass ihre schlimmste Befürchtung wahr geworden ist: Sie lebt mit einem gefährlichen Psychopathen zusammen, der im Interesse der Allgemeinheit dringend in eine geschlossene Anstalt eingewiesen werden muss.

ER IST NICHT ZU REPARIEREN.

ER IST BEZIEHUNGSUNFÄHIG.

Auch alle Freundinnen können dazu nur traurig mit dem Kopf nicken und ihre Therapeutin rät ihr, „die vergiftete Beziehung sofort zu verlassen, weil Sie dort nicht ihr volles weibliches Potenzial entfalten können“.

Mit dieser Erkenntnis tut sich Frau schwer, weshalb sich Phase IV unter Umständen über längere Zeiträume hinzieht. Frau beginnt an ihrer eigenen Wahrnehmung aus Phase I zu zweifeln, was für sie sehr schlimm ist.

Es gehört zu den ewig ungelösten Rätseln der Beziehung zwischen Mann und Frau, dass sie niemals ihre Wahrnehmung in Phase III anzweifelt. Und sogar dieser Blog hier, der doch eigentlich geschaffen wurde, die tiefsten Geheimnisse des Menschseins zu enthüllen, kann darauf keine Antwort geben (das bleibt aber unter uns, man muss das nicht unbedingt wild irgendwo rumposten).

Phase V: Wie werde ich ihn los?

Phase V ist meist sehr kurz.

Ca. 86% aller Partnerschaften werden auf weibliche Initiative hin beendet. Männer lassen sich leicht in die Flucht schlagen und sind zu diesem Zeitpunkt durch das Trommelfeuer von Anschuldigungen und Herabsetzungen bereits so desorientiert, dass sie ernsthaft daran denken, sich tatsächlich in therapeutische Behandlung zu begeben, was sie aber natürlich nicht tun.

In den seltenen Fällen, in denen Männer eine Beziehung beenden, lautet der klassische Satz: „Es liegt an mir, nicht an dir …“ Beendet aber die Frau eine Beziehung, heißt es in 99,9% der Fälle: „Es liegt an dir, nicht an mir …“ Diese Wirklichkeitsdeutung stellt eine der zahlreichen Errungenschaften des Feminismus dar und ist gesellschaftspolitisch sinnvoll und erwünscht.

Die Männer leben dann normalerweise nicht mehr lange. Sie sterben schon kurz darauf an einen Herzinfarkt oder wählen den Freitod.

Phase VI: Nie mehr Männer

Frau beschließt für alle Zeiten, sich niemals mehr mit diesen defekten Halbidioten einzulassen. Dies ist die große Zeit für das Verlagswesen und den Buchhandel. „Wohlfühl-Yoga für die Frau“, „Selbstbewusstsein für Anfängerinnen“, „Jetzt setze ich mich durch“, „Empfängnis ohne Männer“ und ähnliche Titel erleben ungeahnte Auflagenrekorde.

Diese Phase währt allerdings nur kurz ‒ zwischen 2 Minuten und 14 Tagen ‒ was, nebenbei gesagt, auch die Erklärung dafür darstellt, warum sich mit dem Buchhandel nicht viel Geld verdienen lässt.

Ab hier: Weiter mit Phase I – Ist er gut genug?