Deine Stimme, Deine Augen, Deine Hände

Was tut man an einem stürmischen, verregneten zweiten Weihnachtstag? Man schreibt eine Kurzgeschichte. Über das Wetter? Ach was! Über Weihnachten? Na klar! Und hier ist sie nun: Die offizielle 3w-Cafe-Weihnachtsgeschichte 2016.

Wenn man aus nördlicher Richtung, von der englischen Stadt Glastonbury kommend, den kleinen Ort Street durchquert und weiter nach Süden, in Richtung Somerton fährt, taucht nach ungefähr fünf Kilometern auf der rechten Seite ein auffälliger, mit Bäumen bestandener Hügel auf. Der „Beacon“, wie er von den Einheimischen genannt wird, erreicht zwar kaum mehr als 100 Meter Höhe, aber aufgrund des Kontrasts zu seiner ebenen und nur spärlich bewachsenen Umgebung wirkt er viel imposanter, als es seinen tatsächlichen Ausmaßen entspricht. Hinzu kommt, dass seine Vegetation ihre Farbe mit den Jahreszeiten prägnant wechselt, er manchmal in intensivem Grün, dann wieder in goldfarbenem Licht schimmert und an klaren Tagen sogar von Glastonbury aus zu erkennen ist. Daher rührt auch der Name Beacon, was in der Übersetzung „Leuchtfeuer“ bedeutet. Eine gewisse Berühmtheit erlangte der Beacon im frühen 19. Jahrhundert, als auf seiner Kuppe Teile eines keltischen Forts und das Skelett eines in kniender Stellung beerdigten Mannes ausgegraben wurden. Danach geriet er rasch wieder in Vergessenheit.

Biegt man von der Hauptstraße auf die Peak Lane ab, führt diese in einem weiten Bogen auf den Beacon zu. Nach ungefähr 500 Metern taucht links ein kleiner Feldweg auf, den man im Vorbeifahren aber fast immer verpasst, wenn man nicht genau hinschaut. Egal, von welcher Seite man sich nähert, die hohen Büsche rechts und links des Weges entziehen die schmale Einfahrt dem Blick des Fahrers.

Der Weg ist kurz, endet in einer Sackgasse und besitzt keinen offiziellen Namen, aber die Leute in der Gegend nannten ihn damals die „Delton Alley“. Er führte nämlich zum „Delton Mansion“, einem alten Landhaus, das mehrere Jahrzehnte leer stand und zu der Zeit, als diese Geschichte beginnt, erst seit acht Jahren wieder bewohnt wurde. Einige Leute aus dem nahen Ort Compton nannten die neuen Bewohner spöttisch „Die Hippies“, andere bezeichneten sie als „Die Esoteriker“ ‒ aber alle waren sich einig, dass es sich im Großen und Ganzen um harmlose Zeitgenossen handeln musste.

Ein Gerücht, das kurze Zeit umging, besagte zwar, dass im Landhaus bei Vollmond schwarze Messen gefeiert würden und der Gehörnte ein- und ausginge, jedoch entpuppte sich als Urheberin des Gerüchts rasch die allseits berühmt-berüchtigte Helen McKenzie. Eine Dame in ihren späten Achtzigern, die mehrmals am Tag in exzentrischem Aufzug durchs Dorf humpelte und mit krächzender Stimme unverständliches Zeug vor sich hinbrabbelte. Sogar der örtliche Pfarrer weigerte sich, ihr Zutritt zu den Gottesdiensten zu gewähren. Ein absolutes Novum in der hiesigen Gegend, in der alle Arten von Exzentrikern, mit denen dieser Teil der Welt schon immer reichlich gesegnet war und auch heute noch ist, mit größter Selbstverständlichkeit in die Gemeinschaft integriert werden.

Die Delton Alley führte in gerader Linie auf ein kleines Waldstück zu, machte dahinter eine scharfe Kurve und gab den Blick auf das Delton Mansion frei: ein imposantes, dreistöckiges Gebäude, von dessen zentralem Vorbau aus, sich zwei symmetrisch gestaltete Gebäudeflügel nach rechts und links erstreckten. Auf den ersten Blick fielen die hohen Fenster in allen drei Stockwerken auf, was auf die erheblichen Ausmaße der innen liegenden Räume schließen ließ. Zwei steinerne Treppenaufgänge führten von beiden Seiten nach oben, auf eine mächtige Eingangstür aus Eichenholz zu, die im Zentrum des Vorbaus lag.

Ein „hochherrschaftliches Anwesen“ hätte man es genannt, wäre da nicht der abgeblätterte Putz der Außenwände ins Auge gefallen, der an vielen Stellen schon das dahinter liegende Mauerwerk zum Vorschein brachte, und wären die hölzernen Läden der Fenster nicht von der Sonne ausgebleicht, von unzähligen Rissen durchzogen und weitgehend ihrer schützenden Farbschicht beraubt gewesen. Auch das Dach schien sich in einem Zustand allgemeiner Verwahrlosung zu befinden. Von einem der drei mächtigen Kamine, die sich entlang des Dachfirsts in die Höhe streckten, war die Hälfte des Mauerwerks schon weggebrochen und der verbliebene Teil deutete wie ein anklagender Finger spitz gen Himmel.

Hier war vor acht Jahren eine Gruppe von Menschen eingezogen, die das alte Haus in ein Seminarzentrum verwandeln wollte. Aufgrund der Nähe zum Ort Glastonbury, versprachen sie sich einen regen Zulauf an Gästen. Glastonbury: die altehrwürdige Pilgerstätte für christliche Besucher der in Ruinen liegenden Kathedrale, zugleich Sehnsuchtsort von Esoterikern, die hier das alte Avalon, das Grab des sagenumwobenen König Artus und das spirituelle Kraftzentrum der Britischen Inseln vermuteten, ebenso Reiseziel ernsthaft spirituell Suchender, die von der besonderen Atmosphäre des Ortes für ihre Meditation profitieren wollten. Und, um sich der weltlichen Seite zuzuwenden: Jünger der Rockmusik, die einmal im Jahr zu Tausenden in den kleinen Ort einfielen, um vier Tage lang das „englische Woodstock“ zu zelebrieren.

Anfangs hatte die Gruppe aus acht Frauen und sechs Männern im Alter zwischen 48 und 65 Jahren bestanden. Alle waren sich einig, dass hier Seminare mit dem Ziel angeboten werden sollten, die spirituelle Entwicklung der Menschen zu fördern, ohne bestimmte Glaubensrichtungen zu bevorzugen. Es gab in der Gruppe vier Buddhisten, drei bekennende Christen, einen Anhänger des Sufismus, zwei Atheisten und vier Mitglieder, die sich nicht festlegen wollten.

Sie alle träumten von einer Welt, in der Menschen sich mit Liebe begegnen und in der jeder nach seiner Wahrheit lebt, ohne die Wahrheit des anderen herabzusetzen.

Winter

Jetzt gab es nur noch vier Bewohner im Delton Mansion. Da war Allan, der Gärtner, ein uriger Geselle, der mit seinen kleinen, zusammengekniffenen Augen und einem grauen Spitzbart etwas verschroben wirkte, Gregor, ein großer, stattlicher Mann mit schütterem Haar, der sich um die Küche kümmerte und Glenn, ein drahtiges Kraftbündel, kurz geschoren und mit Tätowierungen auf den Armen, der das Haus in Ordnung hielt und kleinere Reparaturen erledigte. Zwar hätte er mühelos auch größere Reparaturen bewältigen können, aber dafür fehlte leider das nötige Geld.

Ach ja, und dann gab es Niklas, der ‒ für einen Mann ‒ von ungewöhnlich zierlicher Gestalt war und mit seinen dunklen Augen und schwarzen Locken sehr südländisch wirkte, obwohl er aus dem Norden Irlands stammte. Von ihm hörte und sah man allerdings wenig, weil er den größten Teil seiner Tage mit geschlossenen Augen im Meditationsraum verbrachte.

Die Pläne für das Seminarzentrum waren schon lange gescheitert und die anderen Mitbewohner ‒ teils Gründungsmitglieder, teils aber auch solche, die später für kurze Zeit hinzugestoßen waren ‒ hatten den immer trostloser werdenden Ort nach und nach verlassen. So verlebten die vier Männer ihre Tage in einer Mischung aus Arbeitsroutine und sanfter Melancholie, die sie durch Aktivität zu überdecken versuchten. Letzteres galt allerdings nicht für Niklas, bei dem von Aktivität keine Rede sein konnte.

An einem der besonders dunklen Tage, als sie wieder einmal kurz davor waren, alles verloren zu geben und in vier verschiedene Richtungen auf und davon zu ziehen, ereignete sich etwas Ungewöhnliches.

Am Abend begann ein heftiger Sturm, der immer wütender um das Haus tobte. Die vier Bewohner von Delton Mansion saßen in der Küche. Liza, die Hauskatze, hatte unten, zwischen den hohen Beinen des altertümlichen Backofens, Zuflucht gesucht und streckte sich behaglich in der Restwärme. Ab und zu zuckte sie alarmiert zusammen, wenn draußen ein Sparren des Vordachs hart gegen seine hölzernen Stützen schlug.

Die Vier sprachen wenig, lauschten auf die Geräusche des Hauses. Besonders Glenn hielt die Ohren gespitzt. Er kannte das Gebäude so gut wie kein anderer und hatte die unzähligen Stellen im Geiste präsent, bei denen die Gefahr bestand, dass sie unter der Kraft des Sturms zusammenbrechen oder an denen der Regen, der sich jetzt gerade mit unglaublicher Wucht aus dem Himmel ergoss, Einlass in die schützende Hülle des Hauses finden könnte.

So war es auch Glenn, dem als Erstem ein ungewöhnliches Geräusch auffiel.

„Hört ihr es klopfen?“, fragte er.

Allan und Gregor schüttelten den Kopf. Niklas blieb in seiner eigenen Welt versunken und hatte die Frage nicht einmal wahrgenommen.

Sie saßen wieder still da, in der Ferne schlug ein Blitz ein und der Donner, der folgte, ließ die Fenster des Hauses vibrieren.

Plötzlich sprang Glenn auf. „Da klopft doch jemand!“, rief er und eilte in Richtung der Eingangstür davon. Gregor und Allan folgten ihm.

Sie öffneten die schwere Eichentür und tatsächlich: Vor ihnen stand ein Mann in einem weiten, grauen Umhang und mit einer Reisetasche aus braunem Leder in der Hand. Der Fremde war groß, hatte eine gesunde, sonnengebräunte Gesichtsfarbe und klare, hellblaue Augen, aber die Falten und Furchen auf seiner Stirn und um den Mund verrieten, dass er sich wahrscheinlich schon deutlich jenseits der 60 befand. Erst später machten sie sich Gedanken, wie es möglich sein konnte, dass sein Umhang trotz des Regens völlig trocken geblieben war und schlossen daraus, dass er sich schon eine Weile unter dem Vordach der Eingangstür untergestellt haben musste und sich erst bemerkbar machte, als das Unwetter immer heftiger wurde.

„Hallo“, sagte der Fremde, „dort draußen am Schild steht Seminarzentrum, aber werden hier eventuell auch Tagesgäste aufgenommen?“

Die Drei schauten sich an. Es musste mehr als ein Jahr her sein, dass der letzte Gast an diese Tür geklopft hatte und sie waren gar nicht mehr darauf eingestellt, in der Rolle von Gastgebern aufzutreten. Während sie sich innerlich sortierten, kam auch Niklas hinzu und kurioserweise fand ausgerechnet er als Erster wieder Worte. „Ja, das tun wir“, sagte er leise.

Als sie alle im Vorraum beisammenstanden und sich das betretene Schweigen seiner Gastgeber in die Länge zog, fragte der Fremde: „Und wo ist mein Zimmer?“

Dies löste erneut allgemeine Ratlosigkeit aus.

„Vielleicht dort?“, fragte er mit einem amüsierten Lächeln um die Mundwinkel und deutete auf ein Holzschild, das die große, geschwungene Holztreppe hinaufwies und in fröhlich verschnörkelten, aber schon halb abgeblätterten, hellgrünen Buchstaben, die Aufschrift „Gästezimmer“ trug.

„Ja, genau, da oben“, sagte Gregor, als sei es ihm gerade eben erst wieder eingefallen.

Als der Fremde die Treppe hinaufstieg, rief Allan ihm hinterher: „Suchen Sie sich einfach ein Zimmer aus!“

„Was ihnen am besten gefällt!“, rief Gregor.

„Die Heizung funktioniert in allen Räumen, die rechts vom Gang liegen!“, rief Glenn.

Dann saßen sie wieder in der Küche. Jetzt lauschten sie nicht nur auf die Geräusche des Unwetters, sondern auch darauf, ob sie von dem unerwarteten Gast etwas hören konnten. Aber außer ein paar Schritten und einmal einem dumpfen Aufprall, als sei ihm ein harter Gegenstand auf den Boden gefallen, war nichts zu hören. Sie schlossen daraus, dass er sofort schlafen gegangen sein musste.

 

Am anderen Morgen, als sich Allan, dessen Zimmer im östlichen Flügel des Hauses lag, schon in seiner Gartenarbeitskleidung der Küche näherte, stieg ihm ein ungewohnt köstlicher Geruch in die Nase und bald waren auch ein leises Brutzeln von einer Pfanne und das Klappern von Töpfen zu hören. In der Küche angekommen, sah er, dass Gregor dort emsig hantierte. „Du machst Frühstück?“, sprach er seinen Mitbewohner an.

Der drehte sich um und sagte: „Natürlich, das ist doch schließlich mein Job hier, oder?“ Er deutete auf den Esstisch, der links in der Ecke des Raumes stand, und erst jetzt entdeckte Allan den Gast, der dort saß und gerade mit zufriedener Miene eine Portion gebackener Bohnen auf seinen Löffel schaufelte. Er lächelte Allan an und winkte ihm mit einer Hand kurz zu, bevor er sich wieder seinem Essen widmete.

Allan trat ans Fenster und warf einen besorgten Blick nach draußen. Der Sturm hatte die ganze Nacht gewütet. Zum Glück gab es zu dieser Jahreszeit nicht allzu viel im Garten, was er hätte zerstören können. Trotzdem sorgte Allan sich um einige der Bäume und Büsche, besonders um den großen Apfelbaum, der sich seit einigen Wintern immer mehr zur Seite neigte. Er konnte nur hoffen, dass die Stützhölzer, die er vor einigen Monaten angebracht hatte, vom Sturm nicht fortgedrückt worden waren.

Aus dem oberen Stockwerk ertönte auf einmal lauter Gesang. Glenn gab wieder eines seiner Kirchenlieder zum Besten. Glenn sang ständig. Egal, was er gerade sonst noch tat. Er sang unter der Dusche. Er sang, während er auf dem Rücken lag und mit einer Rohrzange an einem Abfluss schraubte. Er sang, während er hoch oben auf dem Dachfirst des Hauses saß, wie auf einem Pferd, und die Ziegel richtete. Seine Stimme war tief und wohltönend, er hatte schon eine gewisse lokale Berühmtheit erlangt und die Kirchenchöre der Gegend rissen sich um ihn. Aber in den letzten Jahren ging er nur noch selten hin und war anscheinend vollkommen zufrieden damit, ganz für sich alleine zu singen.

Allan wandte sich dem Fremden zu, zuckte entschuldigend mit der Schulter und sagte: „Tut mir leid, das macht er immer. Wenn es sie stört, bitte ich ihn aufzuhören.“

Der Fremde lächelte ihn vergnügt an und erwiderte: „Nein, es ist wunderbar! Ganz wunderbar!“

Zum ersten Mal sah Allan direkt in die klaren blauen Augen des Gastes. Plötzlich war es ihm, als fiele er in eine Tiefe, in eine blaue, helle, leuchtende Tiefe. Aber obwohl es sich wie ein Fallen anfühlte, war es nicht unangenehm. Das Blau war überall um ihn herum und es schien ihn zu behüten, schien ihm zu sagen, dass hier alles weich und sanft sei und er sich nicht verletzen könne. Allan schwankte leicht, realisierte auf einmal, dass seine Augen geschlossen waren, öffnete sie und stützte sich mit einer Hand an der Fensterbank ab, die plötzlich etwas näher gekommen zu sein schien. Ein Zittern lief durch seinen Körper, er dreht sich um und eilte nach draußen in den Garten.

 

Vormittags saß Glenn am östlichen Ende des Grundstücks auf dem Ziegeldach eines Geräteschuppens und versuchte zum wiederholten Male eine Stelle zu reparieren, die durch Sturm und Hagel stets aufs Neue aufgedeckt wurde. Diesmal sollte es aber halten. Er beschloss, mehrere Ziegel übereinanderzulegen und mit kleinen Nägeln zu fixieren. Glenn griff nach seinem Hammer und holte tief Luft, um ein Lied anzustimmen, doch er stockte, als ihm etwas in der Baumgruppe gegenüber auffiel. Erst glaubte er, sich zu täuschen, denn was er zu sehen schien, konnte eigentlich nicht möglich sein: Niklas hockte dort auf dem Boden zwischen den Bäumen. Niklas! Draußen! Freiwillig! In der Natur! Nicht in seinem Meditationsraum! Mitten am Tag! Dann sah Glenn ihren überraschenden Gast, den alten Mann, der sich genau gegenüber von Niklas auf einem umgestürzten Baumstamm niedergelassen hatte. Und ein zweites Mal wusste Glenn nicht, ob er seinen Augen trauen sollte, denn Niklas redete und gestikulierte und ein wahrer Schwall an Worten schien aus seinem Mund zu kommen. Er, Niklas, der sonst im Laufe eines Monats kaum mehr als zehn halbe Sätzen herausbringt … jetzt gerade schien es für ihn kein Halten mehr zu geben. Ab und zu erwiderte der Fremde etwas, aber Glenn konnte auf die Entfernung kein einziges Wort verstehen. Das Ganze ging eine Weile hin und her und zum Schluss sagte der Fremde einige Worte. Niklas schaute zu ihm auf und ‒ Glenn war sich ganz sicher ‒ Tränen liefen über seine Wangen, er war offensichtlich sehr bewegt von dem, was ihm gesagt worden war. Schließlich erhoben sich beide, der Fremde umarmte Niklas kurz und sie gingen in verschiedene Richtungen davon.

 

Mittags saßen alle zusammen am Esstisch. Gregor hatte ein köstliches vegetarisches Drei-Gänge-Menü zubereitet. Sie redeten über dieses und jenes, kamen dann zu ernsteren Themen, wobei der Fremde, der langsam und bedächtig sprach, sich als ein Mensch entpuppte, der offensichtlich Einblicke in tiefe spirituelle Weisheiten besaß, von denen sie alle beeindruckt waren. Nur ihren Fragen nach seinem eigenen Hintergrund und dem Zweck seiner Reise wich er aus und sagte nur, er würde sich etwas später dazu äußern. Auf einmal fiel Gregor der Ring des Gastes auf, den er an einem Finger seiner linken Hand trug. Es war eine Art Siegelring mit einem keltischen Kreuz und vier kleinen Kreisen, die nach außen geöffnet waren. In der Mitte befanden sich drei ineinander verschlungene Buchstaben, die Gregor aber nicht entziffern konnte. Der Ring löste ein merkwürdiges Gefühl in ihm aus. Er war sich sicher, diese Symbole zu kennen, aber ihre Bedeutung entzog sich ihm. Der Schleier, der ihn von der Erinnerung trennte, schien sehr dünn zu sein, wollte sich aber einfach nicht öffnen.

 

„Ich wusste doch, dass ich diesen Ring schon mal gesehen habe!“, sagte Gregor zwei Stunden später, als er in der kleinen Hausbibliothek saß. Glenn war, nachdem er seine Werkstatt wieder in Ordnung gebracht hatte, an der halb offenen Tür des kleinen Raumes vorbeigekommen. Fast wäre er vorbeigeeilt, aber er glaubte jemanden aus den Augenwinkeln gesehen zu haben und hielt inne. Tatsächlich saß Gregor dort und blätterte in einem voluminösen alten Buch mit welligen Blättern und einem von Feuchtigkeit aufgequollenem Umschlag.

Gregor wies auf eine Abbildung. „Hier ist das Symbol, das ich gesucht habe. Das Kreuz von Fanjeaux! Aber siehst du diese ineinander verschlungenen Buchstaben in der Mitte?“ Er hob er den Kopf und sagte mit triumphierender Stimme: „Der Ring, den unser geheimnisvoller Gast trägt, ist der Ring eines Bischofs! Eines Bischofs der Katharer!“

Glenn schüttelte den Kopf. „Die Katharer sind doch schon lange ausgestorben.“

Gregor schnaufte empört. „Ausgestorben kann man nun wirklich nicht sagen. Sie wurden umgebracht! Von der katholischen Kirche!“

Glenn kannte die Geschichte der Katharer, die das Töten von Menschen und Tieren ablehnten, an Seelenwanderung glaubten und schon dreihundert Jahre vor Luther das Evangelium in einer Sprache vermittelten, die von den einfachen Menschen verstanden wurde. Und er kannte ihr trauriges Ende als angebliche Ketzer.

„Aber“, fuhr Gregor fort, „es gab stets Hinweise darauf, dass der Orden im Geheimen weiter bestanden hat. Ich bin mittlerweile sicher, dass unser seltsamer Gast uns einiges dazu sagen kann.“

Vom unteren Stockwerk drang Allans Stimme nach oben: „Glenn? Gregor? Seid ihr da? Unser Besucher will sich verabschieden!“

Gregor sah zu Glenn hoch. „Oder vielleicht auch nicht“, sagte er und sprang rasch auf.

Sie standen alle draußen vor dem Gebäude im Halbkreis um ihren Gast, der wieder seinen grauen Umhang angelegt hatte und seine lederne Reisetasche in der Hand hielt. Sogar Niklas war aus dem Meditationsraum hervorgekommen und hatte sich zu ihnen gesellt.

Der alte Mann ließ sich Zeit, sah jedem von ihnen einen Moment lang tief in die Augen, bevor er zu sprechen begann: „Meine Freunde ‒ wenn ich euch so nennen darf ‒ was ich jetzt sage, werdet ihr nicht verstehen. Wahrscheinlich werdet ihr es mir nicht einmal glauben. Und das müsst ihr auch nicht. Ihr seid frei, es als das Gerede eines verwirrten alten Mannes abzutun. Aber der einzige Zweck, zu dem ich euer schönes Haus hier aufgesucht habe, ist, euch eine Nachricht zu überbringen.“ Er hielt kurz inne.

Als er „schönes Haus“ sagte, hatten Glenn, Allan und Gregor betreten zu Boden geblickt, ihnen war der Zustand von Delton Mansion nur allzu bewusst.

Der Alte schien ihre Gedanken gelesen zu haben. „Das wird schon wieder“, sagte er in beruhigendem Tonfall, „ich weiß, dass ihr eine schwere Zeit hinter euch habt. Seht es als Zeit der Prüfung an. Nichts auf dieser Welt geschieht zufällig und ihr seid nicht umsonst diejenigen, die hier ausgeharrt haben, während alle anderen nicht die Kraft dazu fanden. Schon sehr bald werden von diesem Haus aus unzählige gute Dinge ihren Anfang nehmen.“

Wieder hielt er kurz inne, bevor er fortfuhr: „Und jetzt zu meinem eigentlichen Auftrag. Ich bin zu euch geschickt worden, um euch etwas zu offenbaren, das wie ein Schock zu euch kommen mag, oder wie eine frohe Botschaft ‒ es liegt an euch selbst, ob ihr es annehmen könnt oder nicht. Was ich euch sagen darf, ist Folgendes: Einer von euch …“ Noch einmal schaute er allen der Reihe nach in die Augen, bevor er fortfuhr: „ … ist der wiedergeborene Christus, der Erlöser! Einem von euch wird mehr und mehr zu Bewusstsein kommen, dass dies die Wahrheit ist und dann wird er von diesem Ort aus sein Wirken in der Welt beginnen. Das ist meine Botschaft. Und jetzt tut damit, was ihr für richtig haltet.“ Damit drehte er sich um und ging davon.

Sie sahen ihm nach, bis er hinter der scharfen Kurve am Waldstück verschwunden war.

„So ein Quatsch!“, platzte es aus Allan heraus.

Gregor versuchte ein kurzes Lachen, aber es misslang ihm und er schaute betreten zur Seite.

Glenn schüttelte nur den Kopf und starrte mit offenem Mund in Richtung des kleinen Wäldchens.

Niklas schien verstörter als sie alle zusammen. Er bewegte sich ein paar Schritte, wobei er heftig schwankte, ließ sich abrupt auf einem Baumstumpf nieder und vergrub sein Gesicht in beiden Händen.

Sie wussten aus Erfahrung, dass er jetzt nicht ansprechbar wäre, und traten den Rückzug in die Küche an. Keiner sagte etwas. Auf dem Küchentisch lag ein dickes, blaues, aufgeschlagenes Buch aus ihrer Bibliothek.

„Hat einer von euch das dahin gelegt?, fragte Allan. Beide schüttelten den Kopf. Sie erkannten es als eine Ausgabe von „Ein Kurs in Wundern“ und eine Stelle war mit einem kleinen Aufkleber markiert:

„Denn dies allein brauche ich: dass du die Worte hörst, die ich spreche und sie der Welt schenkst. Du bist meine Stimme, meine Augen, meine Füße, meine Hände, durch die ich die Welt erlöse.“

Frühjahr

Mehrere Monate waren seit diesem Tag vergangen.

Sie sprachen nie wieder über den seltsamen alten Mann und seine noch seltsamere „Botschaft“. Ein paar Mal versuchten sie in zaghaften Andeutungen, Witze über ihn zu machen, aber gaben es rasch wieder auf. Es gelang ihnen einfach nicht, den Widerspruch aufzulösen, den sie empfanden. Den Widerspruch zwischen der Tatsache, dass ihr Besucher sie einerseits in den wenigen Stunden in ihrem Haus zutiefst beeindruckt hatte und andererseits, dass er sie am Ende mit einer solch absurden angeblichen Botschaft zurückließ.

Aber insgeheim … ja, es ließ sich nicht leugnen … ganz im Stillen, ganz im Geheimen, und jeder wirklich nur strikt für sich alleine … überlegten sie …

Nein, das ist einfach zu albern, zu unlogisch, zu widersinnig …

Aber nur mal angenommen … nur ganz theoretisch … was wäre … wenn der seltsame alte Kauz recht gehabt hätte? Was wäre, wenn einer von ihnen … wenn er tatsächlich … also, wenn er das wäre … was der alte Mann behauptet hatte?

Und wer von ihnen könnte es wohl sein?

Zugegeben, Gregor hat noch nie solche Wunderdinge in der Küche vollbracht, wie in den letzten Monaten. Wenn er dort herumwirbelt wie ein sufischer Meister beim rituellen Tanz und die Töpfe und Pfannen von einem Herd zum anderen durch die Luft zu schweben scheinen … und wenn man den ersten Bissen zu sich nimmt … sich der Geschmack des köstlichen Mahls auf der Zunge entfaltet … dann hat das zweifellos etwas Überirdisches an sich! Sein Speiseplan ist in letzter Zeit auch viel abwechslungsreicher geworden und das Essen auf den Tellern sieht viel ansprechender aus als früher. Er gibt sich neuerdings viel mehr Mühe mit allem, was er tut. Ja, tatsächlich … plötzlich kocht er mit so viel Liebe! Moment mal … Liebe? Da war doch was …

Oder ist es Allan? Wenn man hier auf dem Grundstück Liebe am Werk sehen will, dann ganz gewiss im Garten, der blüht und gedeiht, dass es eine Pracht ist. Nun wächst auf einmal Grünes und Buntes an Stellen, die seit ewigen Zeit brach lagen. Seit Kurzem kommen sogar Leute aus dem Dorf hier hoch, staunen über die Fülle der Blumenbeete und wie gut und gesund das Gemüse bei uns gedeiht. Und sie lassen sich Ratschläge von ihm geben! Manchmal sitzt er im Garten, auf seinem alten Holzschemel, etwas vornübergebeugt, als spräche er mit jemandem. Vielleicht mit Naturgeistern? Devas? Elfen? Und der alte Apfelbaum … wie ist es überhaupt möglich, dass der auf einmal wieder so aufrecht steht? Grenzt das nicht an ein Wunder? Moment mal … Wunder? Da war doch was …

Oder könnte es Glenn sein? Plötzlich sind Dinge im Haus repariert, deren Existenz man überhaupt nicht mehr wahrgenommen hatte, weil sie seit Jahren als unrettbar kaputt galten. Aber das Größte ist natürlich sein Gesang! Er schmettert die Kirchenlieder mit einer Stimme heraus, die nie voller und inspirierter klang, und er singt den ganzen langen Tag zur Ehre des Herrn. Moment mal … des Herrn? Das wäre dann aber doch sein Vater …

Oder Niklas? Ausgerechnet der faule, nichtsnutzige Niklas? Obwohl … in letzter Zeit … wenn er im Meditationsraum sitzt … dann breitet sich solch eine Stille über diesem Ort aus. Eine Stille, die man beinahe mit Händen greifen kann. Und manchmal liegt dann so ein Summen und Vibrieren in der Luft. Und er ist auch viel zugänglicher geworden. Ab und zu passiert es, zum Beispiel am Mittagstisch, dass er von ganz alleine zu sprechen beginnt, ohne dass man ihn etwas gefragt hat. Und wenn wir alle gemeinsam meditieren, was neuerdings wieder öfters vorkommt, dann trägt er solch ein verzücktes Lächeln auf dem Gesicht, als stünde er direkt mit den Engeln in Kontakt. Ja, wirklich … mit den Engeln!

Wir alle sind viel achtsamer und aufmerksamer geworden, in allem was wir tun und plötzlich ist zu spüren, dass wir den Beitrag wertschätzen, den jeder von uns für das Ganze leistet. Sogar Niklas schubsen wir nicht mehr so sehr herum wie früher, wenn er sich wieder mal dagegen sträubt, zur wöchentlichen Hausreinigung beizutragen.

Also, wenn einer von uns wirklich Christus wäre … wenn jeder von uns es sein könnte … oder wenn wir alle es wären … wenn wir wüssten, dass alles was uns gegenübertritt … ebenso Christus ist, wie wir selbst es sind … wenn sich die Größe des Ganzen in der Größe seiner Teile spiegelte …

Nicht auszudenken …

The Monks Home

Eines Tages geschah etwas, das keiner von ihnen mehr für möglich gehalten hatte: Ein junges Paar klopfte an ihre Tür und die beiden fragten, ob sie mit ihnen leben dürften. Der junge Mann entpuppte sich als große Hilfe. Insbesondere für Glenn, der mit immer sorgenvollerer Miene zum Dach von Delton Mansion hinaufgeblickt hatte ‒ besonders an Tagen, an denen sich heftige Regenfälle ankündigten.

Die junge Frau brachte neuen Schwung in den Männerhaushalt und verschönerte alle Räume mit Dekorationen, die sie sich aus der Natur holte oder zusammen mit Allan anfertigte. Und ihr helles Lachen ließ alle Herzen im Haus aufleuchten.

Bald waren immer öfter Leute aus dem Dorf zu Besuch bei ihnen. Die gärtnerischen Erfolge von Allan sprachen sich herum, nebenbei kosteten die Besucher von Gregors selbst gemachten Marmeladen oder lauschten dem Gesang von Glenn, der es inzwischen verstand, selbst den ohrenbetäubenden Lärm der Kreissäge harmonisch in seine musikalischen Darbietungen einzubinden.

Das erste Gruppenseminar nach vielen Jahren in Delton Mansion wurde von einem Meditationslehrer gehalten, der auf dem Weg nach Glastonbury zufällig vorbeigekommen war und die besondere Atmosphäre des Ortes bemerkt hatte, als Niklas gerade wieder eine seiner Endlossitzungen im Meditationsraum zelebrierte.

Sogar die alte Miss McKenzie schaute einmal über den Zaun und plärrte Unverständliches in Richtung des Hauses. Als Gregor auf sie aufmerksam wurde und durch das Fenster nach draußen sah, drehte sie sich aber sofort um und lief mit einer für ihr Alter erstaunlichen Geschwindigkeit unter lautem Gezeter davon, als sei sie von Dämonen verfolgt.

Die Leute im Dorf sprachen jetzt nicht mehr von den „Hippies“ oder den „Esoterikern“, sondern von den „vier Mönchen“. Eine Bezeichnung, die Glenn, Allan und Gregor zunächst belustigte, die sie sich aber mit der Zeit ‒ nicht ohne einen gewissen Stolz ‒ zu eigen machten. Und aus „Delton Mansion“ wurde im Sprachgebrauch der Einheimischen „The Monks Home“ ‒ das Zuhause der Mönche.

Eines Tages war ein junger Mann bei ihnen zu Gast und erzählte ihnen von einer neuen Erfindung, die draußen in der Welt gerade Furore machte. Man nannte es Internet und mit diesem Internet konnte man Bilder veröffentlichen und in diese Bilder konnte man Sätze hineinschreiben. Alles, was man anderen Menschen mitteilen wollte, fand dort Platz auf einer Art Leinwand, die der junge Mann als „Fenster“ bezeichnete. Das Besondere war aber nun, dass man solche Bilder und Sätze nicht an eine bestimmte Person schickte, wie man es von einem Fax oder einem Telegramm kannte, vielmehr hatte die neue Erfindung mehr Ähnlichkeiten mit einem Fernseher. Der Zuschauer selbst bestimmte darüber, welches Programm er sich anschaute, oder, bildlich gesprochen: welches der Fenster er öffnete, um die dahinter liegende Leinwand zu betrachten. Dies konnten ohne Weiteres ‒ und ohne vorherige Benachrichtigung ‒ auch solche Menschen tun, die dem Schöpfer der Leinwand bis dahin vollkommen unbekannt waren!

Gerade dieser letzte Punkt bereitete den vier Mönchen Kopfzerbrechen. Sie waren sich nicht sicher, ob sie etwas an Menschen schreiben wollten, die sie überhaupt nicht kannten. Schließlich würde sich auf diese Weise auch jeder Kriminelle oder Verrückte ihre Leinwand anschauen. Oder die Sätze, die sie geschrieben hatten, würden gar nicht zu der Person passen, die sie später las.

Am Ende überzeugte der junge Mann sie aber, dass jede neue Technologie auch Nachteile mit sich bringt, man jedoch mit der Zeit gehen müsse, insbesondere, wenn man sich an Menschen jeglichen Alters wende.

Sie baten den jungen Mann, noch eine Weile länger zu bleiben und eine solche Leinwand für sie zu beschriften. Zum ersten Mal seit langer Zeit hörte man nun wieder lautes Schimpfen und Flüche im Haus ‒ vor allem mitten in der Nacht, was eigentümlicherweise die bevorzugte Arbeitszeit des jungen Mannes zu sein schien. Nach einigen anfänglichen Schwierigkeiten war es ihm aber dann doch gelungen, eine Leinwand in diesem Internet anzubringen, die, wie er sagte „nur noch selten zusammenbricht“.

Sie waren zwar ratlos, wie man sich einen solchen Zusammenbruch genau vorzustellen habe, aber am plötzlichen Anstieg der Zahl ihrer Seminarteilnehmer merkten sie, dass die neue Erfindung ihren Zweck erfüllte. Es riefen nun jeden Tag viele fremde Menschen an, was zu Anfang etwas irritierend war, weil man erst mühsam nach deren Namen fragen musste, aber die meisten schienen sehr aufgeschlossen und interessiert und die befürchteten Heimsuchungen von Kriminellen und Verrückten blieben aus.

 

In den folgenden zwanzig Jahren nahm „The Monks Home“ einen ungeahnten Aufschwung, zog viele interessante Menschen an, die wieder anderen von diesem Ort erzählten oder auf ihrer eigenen Leinwand dafür Werbung machten. Es wurden eine Reihe kleinerer Gebäude für die Unterbringung von Gästen gebaut und ein Zeltplatz für die Sommermonate eingerichtet.

Allan, Glenn und Gregor verließen diese Welt im Abstand von einigen Jahren. Alle starben friedlich im Schlaf. Nur für Niklas hatte das Schicksal etwas anderes vorgesehen. Er wurde eines späten Abends, als er ‒ ganz entgegen seiner sonstigen Gewohnheiten und aus ungeklärtem Grund ‒ traumverloren eine Straße in der Nähe des Grundstücks überquerte, von einem Lastwagen angefahren. Aber bei der Untersuchung stellte der Arzt fest, dass er nicht aufgrund des Unfalls verstarb, sondern an einem Herzversagen, das anscheinend nur Sekunden vor dem Zusammenprall mit dem Fahrzeug eingetreten war. So kann man durchaus behaupten, dass alle vier Mönche eines mehr oder weniger natürlichen Todes starben. Der Fahrer des LKW war sehr erleichtert, als er erfuhr, dass er nun doch keinen der berühmten vier Mönche auf dem Gewissen hatte.

Einige der Bewohner von „The Monks Home“ kamen auf die Idee, aus Gregors Rezepten, die er sich in seiner krakeligen Handschrift auf unzähligen kleinen Zetteln notiert hatte, ein Kochbuch zusammenzustellen. Auf jedem der Zettel, bei jedem Rezept, hatte Gregor als die ersten beiden Zutaten „eine Prise Liebe“ und „eine Portion Achtsamkeit“ notiert und genau so wurde es auch in das Buch übernommen.

Es wurde das am meisten verkaufte Kochbuch aller Zeiten. Bald wusste jeder kulinarisch Interessierte, dass es sich bei Greg #129 um einen traumhaft leichten Gemüseauflauf nach franziskanischer Art handelte und bei Greg #378 um ein Schokoladenmousse, von dem man nicht einmal mehr behaupten konnte, dass es auf dem Gaumen zerginge. Nein, seine ätherischen Bestandteile explodierten bereits auf dem kurzen Weg zwischen Löffel und Zunge in einer himmlische Wolke puren Geschmacks.

Es dauerte nur noch kurze Zeit und alle Köche der gehobenen Gastronomie kommunizierten in einer eigentümlich codierten Sprache miteinander und einige wenige von ihnen waren sogar in der Lage, von Greg #1 bis Greg #935 alle Gerichte aus dem Kopf aufzuzählen.

Wenig später entstand ein Chor, „The Monks Home Choir“, der zu einiger Bekanntheit gelangte und bald auch in größeren Städten auftrat. Eine der Besonderheiten dieses Chors war es, dass, wenn alle Sänger verstummt waren, für diejenigen, die ganz konzentriert und mit geschlossenen Augen lauschten, für einen kurzen Moment, das Echo einer besonders tiefen Stimme hörbar wurde. Und jeder, der Glenn noch persönlich gekannt hatte, schwor darauf, dass es nur seine Stimme sein konnte.

Auch Allan hinterließ ein Vermächtnis. Gärtner und Landschaftsarchitekten aus sämtlichen Himmelsrichtungen pilgerten in die Gemeinschaft und studierten die Art und Weise, wie er seine Gärten angelegt hatte. So entstanden überall auf der Welt die „Monk Allan Gardens“ und bereiteten unzähligen Menschen Freude.

Und Niklas? Die Idee, ein Buch mit seinen Meditationstechniken herauszugeben, erwies sich als Fehlschlag, weil er erstens keine Meditationstechniken besaß und sich zweitens Stille nicht durch ein Buch vermitteln lässt. Aber dafür wurde der Raum, in dem er all die Jahre meditierte, stets in seinem ursprünglichen Zustand belassen. Sogar Niklas Sitzkissen wurde niemals angerührt und lag noch nach vielen Jahren an genau der gleichen Stelle, an der er es an seinem letzten Abend verlassen hatte. Und sämtliche Gruppen, die dort meditierten, berichteten glaubhaft, dass sich in diesem Raum manchmal eine Stille auf sie herabsenkte, die unmöglich von dieser Welt sein konnte.

Dies war die Geschichte von Denton Mansion, oder, wie es später genannt wurde, „The Monks Home“ in der Nähe von Compton Dundon in Südengland. Auch nach dem Tod der vier Mönche blieb der Ort durch die Liebe und die Achtsamkeit seiner Bewohner lebendig. Wie es der geheimnisvolle alte Mann vorhergesagt hatte, nahmen von hier aus unzählige gute Werke ihren Anfang und das Wirken dieses Ortes strahlte immer heller in die Welt hinaus.

Die vier alten Mönche waren gegangen.

Doch der Erlöser … war immer dort