Der Fluch des Reichtums – Interview mit einem Betroffenen (2)

Im Juni 2015 interviewte ich einen der reichsten Menschen unseres Planeten. Er gehörte zum exklusiven Kreis derjenigen 85 Menschen, die laut der damaligen Oxfam-Studie in etwa genau so viel besitzen, wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung zusammengenommen. In der aktuellen Oxfam-Studie 2016 hat sich diese Zahl nun auf 62 Menschen reduziert, die so viel besitzen wie 3,5 Milliarden Weltbewohner. Wie schon im ersten Gespräch wollte er natürlich anonym bleiben, deshalb nenne ich ihn wieder nur mit seinen Initialen D.D.    

Das zweite Interview

Lieber D.D, herzlichen Dank für diese erneute Gelegenheit, mit dir zu sprechen.

DD: Keine Ursache, wir laufen uns ja oft genug über den Weg.

Diese Bemerkung würde ich am liebsten direkt wieder aus dem Gesprächsprotokoll streichen. Es könnte bei meinen Lesern einen falschen Eindruck erwecken.

DD: Welcher Eindruck soll das denn sein?

Nun ja, die Leser könnten annehmen, ich sei auch einer dieser Mega-Reichen.

DD: Und was wäre daran so schlimm?

Es wäre mir irgendwie … unangenehm … irgendwie … peinlich. Ich meine, mit welchem Recht sollte ich so viel mehr besitzen als fast jeder andere meiner Mitmenschen auf diesem Planeten?

DD: Siehst du! Genau diese Gedanken sind die Ursache dafür, dass du nicht zu „diesen Mega-Reichen“, wie du sie nennst, dazugehörst.

Du meinst, es dürfte mir nichts ausmachen, ich müsste es normal finden, keine Skrupel haben, meine Augen vor dem Elend auf der Welt verschließen?

DD: Ja, genau! Sicher ist das nicht die einzige Voraussetzung für großen Reichtum, aber wenn deine innere Stimme die ganze Zeit brüllt: „Nein, nein, nein, ich will das nicht!“, wie soll es dann jemals funktionieren? Und wer ist diese innere Stimme überhaupt?

Du meinst, ich soll es vollkommen natürlich finden, in großem Reichtum zu leben — so wie du?

DD: Siehst du! Du blockierst dich schon wieder selbst! Großer Reichtum? Groß? Lächerlich! Davon kann niemand einen angemessenen Lebensstil finanzieren. Ich spreche von un-er-mess-lich-em Reichtum, nicht von „großem“ Reichtum. Groß ist nur ein anderes Wort für klein. Groß ist klein, nur um 180 Grad gedreht. Du musst an unermesslich denken, an endlos — das bringt dich weiter.

Ja, mir fiel schon in unserem ersten Interview auf, dass du darauf großen … äh, ich meine … wahrscheinlich sogar … unermesslichen … Wert legst. Aber eigentlich wollte ich dir zu Anfang eine ganz andere Frage stellen, bevor du mich aus dem Konzept gebracht hast.

DD: Gerne, schieß los!

Die Zahl der Menschen, die so viel wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung besitzen, hat sich von 85 auf 62 reduziert. Und zwar innerhalb nur eines einzigen Jahres. Das heißt, die Reichen werden mit dramatischer Geschwindigkeit reicher.

DD: Ja, ich habe auch den Eindruck, dass sich das Tempo erhöht hat.

Ich gehe also davon aus, dass du selbst auch noch zu diesem exklusiven Club von mittlerweile 62 Mitgliedern gehörst, oder?

DD: Und wenn nicht? Brichst du das Interview dann ab?

Nein, natürlich nicht, es interessiert mich nur.

DD: Ja, ich kann deine Annahme bestätigen. Ich gehöre noch dazu.

Die Geschäfte liefen also gut?

DD: Was du wahrscheinlich mit „Geschäften“ meinst, trägt nur noch wenig zu meinem Vermögenszuwachs bei. Mein Vermögen wächst von ganz alleine.

Wie ein Geschwür?

DD: Nein, wie ein wunderbarer, magischer Garten.

Aber du musst doch etwas dafür tun? Du bist doch der Gärtner?

DD: Weißt du, das ist eine Vorstellung aus der Vergangenheit. Man muss heutzutage wirklich nicht mehr viel an Aktivitäten entfalten. Eher ist das Gegenteil der Fall. Investitionen in physische Güter beispielsweise, bergen immer das Risiko, in die falsche Richtung zu laufen. Je weniger man tut, desto besser.

Das schockiert mich etwas. Ist das System wirklich schon so weit, dass sich Leistung und Ertrag vollkommen voneinander abgekoppelt haben?

DD: Ja, das ist ein ganz wunderbarer Fortschritt dieses Systems. Es hat noch niemals in der Geschichte der Menschheit so gut funktioniert wie heute. Ein großer Verdienst der Generationen, die vor uns kamen. Ich verehre sie für ihre Vorausschau und Weisheit.

Also Geld durch Nichtstun? Oder besser gesagt, trotz Nichtstun?

DD: Natürlich nur ab einer gewissen Höhe des Vermögens. Das System wurde schließlich geschaffen, um Reiche reicher zu machen. Die Absicht war nicht, dass plötzlich jeder durch Nichtstun reich wird.

Warum eigentlich nicht?

DD: (lacht) Weil es dann keine Reichen mehr gäbe! Wenn jeder reich wäre, wen könnte man dann noch reich nennen? Das wäre doch langweilig!

DD: (lacht wieder) Jetzt hat es dir wohl die Sprache verschlagen! Gut, ich gebe zu, es war etwas überspitzt formuliert. Ich will auch nicht zynisch wirken. Aber wir leben nun mal in einer physischen Welt und in einer physischen Welt, so technisiert sie auch sein mag, gibt es physische Arbeit zu verrichten. Jemand muss sich um den Einkauf kümmern und um die Küche und das Auto reparieren. Es gibt unendlich viel zu tun. Wer sollte das alles noch erledigen, wenn es niemand mehr nötig hätte? Die Gesellschaft würde zusammenbrechen. Alles würde unglaublich schwierig. Oder, um es etwas persönlicher auszudrücken: Ich für meinen Teil hätte keine Lust, meine Häuser zu putzen und das Unkraut zu jäten und die Swimmingpools instand zu halten. Es ist wichtig, dass es Menschen gibt, die das erledigen. Ich schätze diese Menschen sehr und bin dankbar für die Mühe, die sie für mich aufwenden.

O.k., das muss ich erst mal verdauen. Aber noch mal zurück zu deiner Aussage, Aktivität sei eher kontraproduktiv bei der Mehrung von Reichtum. Was gegen diese Aussage spricht, ist aber doch die Tatsache, dass es da draußen unzählige Unternehmen gibt, die jede Menge Aktivitäten entfalten. Und zwar eben mit genau dem Ziel, die jeweiligen Eigentümer reich zu machen.

DD: Natürlich, ich habe das früher auch getan. Ich selbst bin an nicht wenigen dieser Firmen beteiligt. Aber die Bedeutung dieser Beteiligungen im Rahmen meines Gesamtportfolios geht ständig zurück. Finanzen werden heutzutage immer mehr zu einem virtuellen Phänomen.

Wahrscheinlich bin ich deshalb so schockiert, weil damit zwangsläufig eine Hauptmotivation entfällt, die Lebensbedingungen des ärmeren Teils der Weltbevölkerung zu verbessern. Ich meine jetzt nicht aus moralischer, sondern aus rein wirtschaftlicher Sicht.

D.D.: Da hast du recht! Früher galt es als ein entscheidendes Kriterium, wie viele potenzielle Konsumenten es gab und über wie viel frei verfügbares Einkommen sie für den Konsum verfügten.

Sodass sie den Lohn, den sie als Angestellte deiner Firmen erhielten, anschließend in deinen Kaufhäusern, Geschäften und Restaurants wieder abliefern konnten.

DD: Genau! Was mir ermöglichte, noch mehr Unternehmen zu kaufen und in diesem Kreislauf immer reicher zu werden.

Und jetzt sind neuerdings sogar die Konsumenten überflüssig?

DD: Versteh’ mich nicht falsch — ich liebe Konsumenten! Aber sie haben einen entscheidenden Nachteil: Sie verursachen enorm viel Aufwand.

Im Unterschied wozu?

DD: (denkt nach) … Lass mich dir ein aktuelles Beispiel geben. Der Brexit. Praktisch niemand hat damit gerechnet. Die Brexit-Gegner sowieso nicht, die Brexit-Befürworter aber auch nicht und alle Beobachter an den Seitenlinien ebenfalls nicht. Deshalb laufen jetzt alle planlos durcheinander, weil niemand es für nötig hielt, für ein so undenkbares Ereignis eine Strategie bereitzuhalten. Ich dagegen wusste, dass der Brexit kommt.

Was? Woher? Wie ist das möglich?

DD: Thomas Barker hat es mir gesagt.

Thomas … wer?

DD: Du kennst ihn gut!

Moment mal! Aber nicht der Thomas Barker, den ich interviewt habe? Im Beitrag „The NSA-Files – geblowt und gewhistelt“?

DD: (nickt).

Ich kann es kaum fassen! Woher kannte er denn das Ergebnis des Brexit-Referendums?

DD: Das fragst du ihn besser selbst. Wie er mir sagte, habt ihr schon ein zweites Interview mit ihm auf deinem Blog angekündigt.

Erinner’ mich nicht! Mir fehlte bisher die Zeit dafür, aber es kommt bald. Ich habe inzwischen schon mehr als eine halbe Million wütende Anfragen von Lesern erhalten, wo es denn jetzt eigentlich bleibt.

DD: Der erste Teil war aber auch sensationell gut! Kein Wunder, dass die Leute ungeduldig werden.

O.k. Schluss mit der Werbeeinblendung — du wolltest auf etwas anderes hinaus?

DD: Ja, wir sprachen über Konsumenten. Mit dem Wissen, dass der Brexit kommt, habe ich am 24. Juni mein Vermögen deutlich vergrößert, indem ich im Vorfeld hoch gehebelte Optionsscheine gekauft habe, die von diesem Ereignis profitierten.

Du hast viel Geld mit dem Brexit verdient?

DD: Unermesslich viel Geld!

Natürlich.

DD: Wenn ich die Summe betrachte, die mir an jenem Tag zufloss und ich dagegen halte, wie viele Produkte an wie viele Konsumenten für wie viel Geld ich hätte verkaufen müssen, um auf den selben Gewinn zu kommen … und wie viele Angestellte in wie vielen real existierenden Lokalitäten erforderlich gewesen wären — dann steht das einfach in überhaupt keinem vernünftigen Verhältnis mehr, was den Aufwand und das damit verbundene Risiko betrifft.

Das heißt, Menschen sind mittlerweile sogar in der einzigen verbliebenen Funktion, in der ihnen von euch Industriellen bisher eine gewisse Wertschätzung gegenübergebracht wurde, überflüssig geworden? Virtuelles Vermögen schafft virtuelles Vermögen, Menschen kommen dabei nicht mehr vor?

DD: Wir sind noch nicht ganz so weit. Für viele Akteure spielt die alte, überholte Art, Vermögen zu mehren, noch eine Rolle. Aber das geht mehr und mehr zurück. Die Zukunft ist der sekundenschnelle Umschlag virtueller Positionen in einem virtuellen Markt.

Um auf meinen früheren Punkt zurückzukommen: Das wirtschaftliche Motiv, die Lebensbedingungen der Armen in der Welt zu verbessern, verfällt also zunehmend. Damit bleiben nur noch ethische Motive?

DD: (lacht) … Frank, du bist so köstlich naiv! Das ist nicht bös’ gemeint, es rührt mich sogar.

Das ist interessant. Wo genau rührt es dich? Könntest du die Stelle in deinem Körper benennen, wo du das spürst?

DD: Ach komm’ — keine Esoterik bitte. Und ja, um deine Frage zu beantworten: Wir spenden gelegentlich etwas.

Aber eigentlich ist der größte Teil der Weltbevölkerung aus eurer Sicht überflüssig?

DD: Es sind tatsächlich mehr als gebraucht werden, das stimmt. Sie vermehren sich viel zu schnell.

Wie dein Vermögen?

DD: Ein seltsamer Vergleich. Du kannst Menschen doch nicht mit schnödem Mammon gleichsetzen — das ist unethisch!

Jetzt machst du dich über mich lustig!

DD: Nur ein bisschen (lacht).

Irgendwie kommst du heute besonders arrogant rüber.

DD: Gut, werden wir wieder ernst. Die Probleme der Welt liegen mir sehr am Herzen und es ist ein wichtiges Anliegen aller Menschen wie mir, denen das Glück ein günstigeres Schicksal beschert hat, das Leid der Ärmsten der Armen in der Welt zu lindern. Ich bete jeden Morgen nach dem Aufstehen für den Frieden und … was ist los, warum guckst du so komisch?

Ich weiß nicht … du wirktest vorher irgendwie authentischer …

DD: Siehst du? Das gefällt dir jetzt auch nicht. Schau mal, es ist doch so: Über die 62 Mega-Reichen, wie du uns genannt hast, hinaus, gibt es eine sehr große Zahl an Menschen, deren Vermögen zwar nicht unermesslich groß ist, aber, sagen wir mal, ziemlich groß. Glaub’ mir: Mit unseren Möglichkeiten finanzieller und politischer Art, könnten wir ein Menge bewirken. Was meinst du, warum wir das nicht tun?

Weil es euch egal ist?

DD: Schon nahe dran!

Weil ihr dann auf zu viel verzichten müsstet?

DD: Auch!

Weil es euch einfach so gefällt, wie es läuft? Weil euch das Spiel gefällt? Und eure Wichtigkeit in diesem Spiel? Das ist es also? Ihr genießt das alles. Es ist ein Nervenkitzel?

DD: Erinnerst du dich daran, was ich in unserem ersten Interview über die Leere im Inneren sagte, die jeder verzweifelt zu füllen versucht? Sieh’ mal — jeder Mensch hängt an seinem Spiel. Und das betrifft nicht nur die angeblich so bösen Reichen. Wir spielen nur etwas besser als ihr, etwas erfolgreicher.

Du sagst also, euer kleines persönliches Leben, eure kleine individuelle Welt, euer tägliches Spiel — ist euch wichtiger als alles andere? Bevor ihr daran was ändert, lasst ihr lieber die Welt zugrunde gehen?

DD: Ja, genau so ist es. In dieser Hinsicht unterscheidet uns absolut nichts von euch.