Alles Bewusstsein

Pfingsten! Dann ist wohl mal wieder ein spiritueller Text fällig. Heute findet nach christlicher Vorstellung die Ausschüttung des Heiligen Geistes statt und es gehört selbstverständlich zu den dringendsten Anliegen dieses Blogs, dafür Sorge zu tragen, dass auch tatsächlich jede Leserin und jeder Leser einen fairen Anteil von diesem Heiligen Geist mit auf den Weg bekommt. Ich empfehle jedenfalls niemandem, ohne so etwas herumzulaufen, weil die Welt sonst ziemlich sinnlos und dunkel erscheinen kann.

Der Heilige Geist ist gewissermaßen die aller Existenz zugrunde liegende geistige Energie, welche die Welt erleuchtet. Heiliger Geist und Erleuchtung sind gute Themen. Aber weshalb wird ein solches Brimborium darum gemacht? Eigentlich ist die Sache doch recht einfach zu erklären. Beispielsweise so:

Während du liebe Leserin, lieber Leser, diesen Text liest, nimmst du nicht nur die Worte auf dem Bildschirm wahr, sondern zur selben Zeit bist du dir auf einer weiteren Ebene auch der Tatsache bewusst, dass du gerade diesen Text liest. So weit wohl alles klar und normal.

Gleichzeitig gibt es aber noch eine „dritte Ebene“, die sich dessen bewusst ist, dass du dir bewusst bist, dass du diesen Text liest. Sie „beobachtet“ dich gewissermaßen dabei, wie du dir darüber klar bist: „Ich lese diesen Text.“

Wenn du beim Lesen genau erspürst, was in dir vorgeht, wird es dir nicht schwerfallen, auch von dieser „dritten Ebene“ eine Ahnung zu bekommen.

Jetzt folgt ein kleiner Sprung ins kalte Wasser, aber der wird später noch genauer erklärt. Das Spannende und der Kern der ganzen Geschichte ist nämlich: In der Meditation und in besonders wachen Momenten während des Alltags kannst du realisieren, dass diese „dritte Ebene“ immer und überall vorhanden ist. Und mit „immer“ und „überall“ meine ich tatsächlich immer und überall. Die Wahrnehmung, die auf jener Ebene geschieht, hängt nicht von Körpern oder Dingen oder sonstigen Voraussetzungen ab. Ich bezeichne diese „dritte Ebene“ nun in der Folge als „das Bewusstsein“.

Im Unterschied zur ersten Ebene (das Lesen) und zur zweiten Ebene („Ich weiß, dass ich lese“) ist die dritte Ebene, das Bewusstsein, nicht abhängig von dem, was du „Ich“, oder beispielsweise Thomas, Anja oder Matthias nennst.

Vielleicht kennt ihr den uralten Spruch:

Der einzige Unterschied zwischen einem Weisen und euch ist: Ihr seht die Welt und identifiziert euch damit. Ihr glaubt, sie sei real. Der Weise sieht die Welt und weiß, sie ist eine Erscheinung im Bewusstsein. Also identifiziert er sich mit dem Bewusstsein.

Die gute Nachricht ist: Sogar deine ganz eigene, spezielle Konstellation von vorübergehenden energetischen Phänomenen, von der du so fasziniert bist und die Thomas, Anja oder Matthias heißt, unterscheidet sich nicht vom Bewusstsein. Diese Konstellation ist innerhalb des Bewusstseins entstanden, so wie alle (scheinbar) existierenden Phänomene auf dieser Welt und die zugrunde liegende Energie wird sich auch dann noch innerhalb dieses Bewusstseins befinden, wenn deine Ideen von Thomas, Anja oder Matthias längst vergessen sind.

Man hört in spirituellen Kreisen oft, dass wir aus dem Geist (=Bewusstsein) kämen und in den Geist zurückkehren würden. Das ist ungenau ausgedrückt, denn wir haben den Geist nie verlassen. Wir können den Geist nie verlassen, weil nichts anderes existiert als Geist. Anders ausgedrückt: Wir sind immer zu Hause, dürfen uns immer geborgen fühlen, gehen nie verloren.

Eigentlich könnten wir es dabei belassen, Probleme gibt es keine, einen Grund zur Beunruhigung auch nicht, aber ich hatte ja versprochen, das Ganze noch etwas genauer zu erklären. Schließlich hört man oft, spirituelle Menschen würden sich aufmachen, die Wahrheit, oder Gott, oder was auch immer zu suchen.

Kann man machen muss man aber nicht. Am treffendsten hat es wahrscheinlich Ponjaji (ein spiritueller Lehrer aus der Richtung des Advaita) ausgedrückt. Er empfahl den Suchenden, die zu ihm kamen: „Call off the search!“ also: „Sag’ die Suche ab!“

Es entbehrt nicht einer gewissen tragischen Komik, dass der Sucher glaubt, es gäbe in ihm selbst etwas, das durch Suchen zu entdecken sei. Aber der Sucher ist bereits das Bewusstsein, das er sucht. Der Sucher ist schon das Gesuchte.

Genau daran hängen leider nicht wenige spirituelle Menschen ihr ganzes Leben lang fest: Es ist nämlich irre schwer, etwas wiederzufinden, das man nie verloren hat.

Was tun?

Was kann man also tun? Wir wollen ja immer etwas „tun“, sonst werden wir kribbelig.

Abgesehen davon, dass eigentlich nichts getan werden muss, können wir, so oft, wie unsere knappe Zeit es erlaubt, während des Alltags diese „dritte Ebene“ sein. Also jenes Bewusstsein, das alles sieht und alles ist.

Das funktioniert am besten, indem wir Empfindungen, die in uns auftauchen, als eine Art Markierung verwenden. Wir kümmern uns nicht weiter um die Empfindung, sondern belassen unsere Aufmerksamkeit auf dem Punkt, an dem die Empfindung erschienen ist.

Wir bewegen uns nicht von dort weg.

Wir unterlassen alles, was unser Denken in Gang setzen könnte.

Wir geben jede Anstrengung etwas zu tun, für einen Moment auf.

Unsere Aufmerksamkeit ruht auf der Wahrnehmung selbst, nicht auf dem Wahrgenommenen.

In diesem Augenblick der absichtslosen Berührung des reinen Bewusstseins (das man selbst ist) geschieht Erkenntnis. Bewusstsein wird sich seiner selbst bewusst. Wahrnehmung nimmt sich selbst wahr.

Besonders spannend ist das, nebenbei gesagt, immer dann, wenn ein Empfinden von „Ich“ auftaucht. Wo liegt die Quelle dieser Idee, die uns allen Ernstes glauben lässt, Thomas, Anja oder Matthias zu sein?

Obiges können wir, wie gesagt, im Alltag machen, wenn es gerade passt. Wenn wir dagegen einen formelleren Rahmen benötigen, können wir natürlich auch in eine Meditationsgruppe gehen, die bestimmte Methoden anbietet. Dabei ist es aber wichtig, dass dort kein Gruppendruck entsteht, vor der Gruppe oder vor dem Lehrer gut dazustehen. Denn Zielgerichtetheit entfernt uns von authentischer Wahrnehmung und verführt das Denken dazu, eine künstliche Instanz des Bewusstseins zu erschaffen wozu es durchaus in der Lage ist. Man erkennt diese künstliche Instanz daran, dass plötzlich etwas in uns aktiv wird, das die Dinge lenken, kommentieren und bewerten will. Dieses „Fake-Bewusstsein“ hat gewissermaßen einen unerfüllten Wunsch an das Wahrgenommene.

Was auch immer unser Zugang sein mag, einen richtigen Kick gibt es zur Belohnung immer dann, wenn wir realisieren, dass „wir selbst“ uns kein bisschen vom Bewusstsein unterscheiden. Wenn wir realisieren, dass wir unmöglich sagen können, ob das Bewusstsein in uns ist oder wir im Bewusstsein sind.

Häufig empfinden Meditierende das Bewusstsein als einen „grenzenlosen, weiten Raum“. Das ist durchaus o.k. und kann ein höchst beeindruckendes Empfinden sein, geradezu ein Erleuchtungserlebnis. Aber bevor wir deshalb ganz aufgeregt werden, sollten wir uns klarmachen, dass der „große weite Raum“ lediglich die Übersetzung des Verstandes ist, der sich die Empfindung zu erklären versucht, und nicht die wirkliche Sache. Das Bewusstsein kann niemals ein Objekt sein, das wir betrachten, weil es selbst der Betrachter ist. Wir können das Bewusstsein niemals wahrnehmen, weil es selbst die Wahrnehmung ist. Wir können es nur sein. Weil wir es sind.

Haltet euch also nicht zu lange in grenzenlosen Räumen auf, sondern richtet eure Aufmerksamkeit immer wieder auf die Wahrnehmung selbst, nicht auf das Wahrgenommene.

Dann fallen auch solche ärgerlichen Kleinigkeiten weg, wie die Angst vor dem Tod. Denn dieses Bewusstsein, das wir sind, wurde nie geboren und kann nie enden. Dazu ein Zitat aus dem „Kurs in Wundern“:

„Wenn dein Körper und dein Ego und deine Träume vergangen sind, wirst du erkennen, dass du ewig währst. Vielleicht denkst du, das würde durch den Tod erreicht – aber nichts wird durch den Tod erreicht, weil der Tod nichts ist. Alles wird durch das Leben erreicht, und das Leben ist vom Geist und im Geist. Der Körper lebt weder, noch stirbt er, weil er dich, der du das Leben bist, nicht fassen kann.“

Außerdem, mal ehrlich, es ist verdammt anstrengend, so ein Thomas zu sein. Es kostet ziemlich viel Mühe, sich selbst und anderen das jeden Tag einzureden und schlüssige Beweise dafür vorzulegen.

Wir nehmen diese Mühe die meiste Zeit vielleicht nicht so deutlich wahr, weil sie für uns so alltäglich ist wie das Atmen. Wir würden nicht sagen: „Atmen ist total anstrengend. Wie viele Muskeln ich dafür bewegen muss! Ich lass’ den Quatsch jetzt mal bleiben.“ Es gibt Dinge, die so selbstverständlich geworden sind, dass man sie nicht mehr hinterfragt.

Wenn wir irgendwann in einer blauen Stunde aber ganz gezielt über „Ich“ kontemplieren, merken wir erst, wie arbeitsintensiv das Ding, das wir „Ich“ nennen, in Wirklichkeit ist.

Umso befreiender wirkt es sich verständlicherweise aus, wenn wir erkennen: Ich bin in Wahrheit weder ein Körper noch ein Name, sondern das Bewusstsein, in dem Körper und Name erscheinen und wieder vergehen. Unpersönliche Anwesenheit, Ichloses Dasein. Das relativiert alle Schwierigkeiten, die wir mit „Ich“ zu haben glauben, ganz erheblich.

Und wenn wir realisieren, dass es keine Trennung zwischen „uns“ und dem Bewusstsein gibt, merken wir auch, dass es keine Trennung zwischen „uns“ und allem anderen gibt, das zu existieren scheint. Ich weiß natürlich nicht, wie es euch damit geht, aber für mich führt das zu der Erkenntnis, dass alles, worüber man sich jeden Tag aufregt, eigentlich nur halb so wild ist.

Was nicht heißt, dass man zu einer passiven Tomate werden muss. Ich will keinem den Spaß daran verderben, ein toller Thomas zu sein. Im Gegenteil, Thomas soll ruhig alles Vergnügen der Welt haben und ich wünsche ihm jede Menge Freude mit sich selbst und jede Menge sinnvoller Dinge soll er außerdem noch tun und meinetwegen sogar den Planeten retten.

Bewusstsein liebt es zu spielen und zum Spielen haben wir uns diese Welt gebaut. Ziemlich viel Aufwand, trotzdem steht dahinter kein Plan, es gibt keinen geheimen Lenker, den man gelegentlich um die eine oder andere Gefälligkeit bitten kann.

Jetzt höre ich dich, liebe Anja, fragen: Wenn dieses angeblich so tolle Bewusstsein schon alles ist und sich selbst genügt, warum dann überhaupt das ganze Theater mit der Welt? Wozu der Aufwand?

Die Antwort lautet: Bewusstsein erfährt sich selbst in der Bewegung.

Dahinter steht keine Absicht, vielmehr ist dies sein innerstes Wesen. Diese absichtslose Bewegung stellt die Quelle aller schöpferischen Kraft dar. Daraus entstehen alle Phänomene, die in der Welt erscheinen. Und daraus entstehen auch Thomas, Anja und Matthias. Immer wieder neu.

Versucht euch dem „Heiligen Geist“ doch mal zu nähern und eure eigenen Erfahrungen zu machen. Nichts von dem, was hier geschrieben wurde, müsst ihr glauben. Ihr könnt es alles herausfinden, indem ihr nach innen schaut.

Ich wünsche euch zu Pfingsten die Freude, die daraus entsteht, frei von euch selbst zu sein.